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Tierwohl und Qualität: MyMeatBox

Die Geschichte von MyMeatBox ist eine Geschichte über ganz große Liebe zum Münsterland. Und sie zeigt, wie schnell Engagement und Familienzusammenhalt etwas ganz Neues kreieren können. Lea und Julian Siemann haben dabei mit Frederike und Michael Gronewäller alles in die Waagschale geworfen, um die MyMeatBox GbR zu gründen.

Die auf den ersten Blick naheliegende, aber trotzdem nicht weit verbreitete Idee: hochwertiges und vor allem regionales Fleisch – nämlich aus eigener, artgerechter Haltung und im Umkreis von 25 Kilometern geschlachtet – im Abo und Versand anzubieten. Die Anfänge waren 2019. Mittlerweile können sich die vier Freunde und Verwandten – Lea und Frederike sind Cousinen – keine andere Vermarktungsart mehr vorstellen.

„In der Tat waren wir die Ersten, die 2021 mit einem vollumfänglichen Abo-Modell für Fleisch in Deutschland an den Markt gegangen sind. Es gab ein Pre-Paid-Modell über drei Monate von einem anderen Anbieter, aber kein komplettes Abo-Modell mit unbegrenzter Laufzeit und so flexiblen Konditionen wie bei uns“, erzählt Julian, als ich auf dem Hof Gronewäller in Warendorf-Freckenhorst zu Besuch bin.

Hofladen und Regiomat sind hier angesiedelt, außerdem leben die Strohschweine und Freilandhühner der Gronewällers auf diesem Hof. Die Rinder leben auf dem nahegelegenen Hof von Julian und Lea und können dort die Vorzüge der Weidehaltung und der muttergebundenen Kälberaufzucht genießen.

Was ich so entspannt in wenigen Sätzen aufschreibe, bedeutete natürlich unheimlich viel Arbeit, ob mit den Tieren und mit allen Dingen um sie herum oder am Computer. Ideenwälzen, Diskussionen, schlaflose Nächte und vor allem leidenschaftliches Engagement der beiden jungen Paare bestimmten monatelang den Alltag. Gerade bei der Fleischproduktion und -Vermarktung im Regionalen geht es schließlich mittlerweile, zum Glück, um Transparenz, Tierwohl, hohe Standards und natürlich Qualität.  Dieser Anspruch spiegelt bereits die Liebe zur eigenen Arbeit und zur Region wider.

Aber es gibt ja immer noch eine Geschichte hinter der Geschichte. Die beginnt in Erfurt, wo Julian gebürtig herkommt. Das thüringische und später münstersche Stadtleben, im Einklang mit seinem Job als Außendienstmitarbeiter in der IT-Branche, bedeutete für Julian den Idealzustand. Dann traf er Lea Siemann.  „Die ersten 32 Jahre meines Lebens hatte ich nie was mit Landwirtschaft zu tun“, gesteht Julian lachend.

Lea Siemann

Nach einiger Zeit stand bei Lea eine große Entscheidung an: den elterlichen Hof mit Milchviehbetrieb im Nebenerwerb zu übernehmen. Julian, der das Münsterland bereits kennen- und lieben gelernt hatte, fiel es nicht schwer, seinen Job an den Nagel zu hängen und sich sozusagen mit Haut und Haaren der Landwirtschaft und dem Dorfleben zu verschreiben. Das war vor vier Jahren.

„Alles andere wäre verrückt gewesen. Die ganze Infrastruktur hier war intakt, wir konnten den Hof eins zu eins so übernehmen und gleichzeitig etwas Eigenes mit Frederike und Michael aufbauen“, erklärt der 37-Jährige.

Tja, aber wie kommt man plötzlich als Co-Chef auf einem Hof mit 120 Rindern klar? „Learning by doing. Ich bin in allem hier Quereinsteiger“, lautet die sympathische Antwort. Weiterbildungen stehen 2024 an, zudem viel Recherche, die Aussicht auf den Treckerführerschein – und die drei vom Hof waren natürlich die besten Lehrerinnen und Lehrer.

„Ich bin rundum glücklich und empfinde es gar nicht als dieses schwere Landleben, was man aus den Vorurteilen kennt. Das ist hier Natur pur mit hoher Lebensqualität und ich genieße das Landleben total. Wir sind hier ganz weltoffene Bauern“, sagt Julian.

Das Glücksempfinden hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die beiden Ehepaare voll hinter ihrer Tierhaltung und der Fleischproduktion stehen, die bewussten Fleischkonsum im Fokus hat.

„Unsere Hühner leben in Freilandhaltung, die Schweine werden auf Stroh gehalten, die Kühe haben mindestens 180 bis 200 Weidetage, das ganze Futter ist aus eigenem Anbau, gentechnikfrei. Und das ist alles konventionelle Landwirtschaft. Es muss nicht Bio sein“, sagt Agrarbetriebswirt Michael Gronewäller, dessen Hof um das Jahr 1200 erstmals urkundlich erwähnt wurde. 

Michael Gronewäller

Die Kühe sind etwa im Alter von zwei Jahren schlachtreif, die Schweine nach rund vier Monaten. Sie werden nach kurzem Transportweg in der Fleischerei Wöstmann in Warendorf-Milte geschlachtet. Daher sind auch alle Produkte von MyMeatBox mit dem Münsterland-Siegel ausgezeichnet, da sowohl die Aufzucht als auch Schlachtung in Betrieben im Münsterland stattfinden. Sollte das Tier vor der Schlachtung nicht mindestens drei Monate im Münsterland gelebt haben, darf das Fleisch dieses Siegel nicht tragen, auch wenn die Schlachtung in der Region stattgefunden hat.

Im Onlineshop und auch im Hofladen, der freitagsnachmittags und samstagsvormittags geöffnet hat, werden die verschiedenen Fleischprodukte verkauft. Dort finden Kundinnen und Kunden zudem ein großes Sortiment an  Lebensmitteln, produziert vom Hof Gronewäller, wie Nudeln, Rotkohl, Essiggurken, Marmeladen, Linsenbolognese. Und ganz neu, passend zum Sommer: eigenes Eis aus der Landeis-Manufaktur in Kooperation mit Hüftgold Beelen.

Außerdem kann man am Hof unabhängig von der Tageszeit allerlei Frisches aus dem Regiomaten holen. Besonders in den Sommermonaten, wenn man abends öfter Mal spontan zusammensitzt, äußerst praktisch.

Nachdem ich den Hofladen durchstöbert, den Schweinen Hallo gesagt und den 500 Freilandhennen einen Besuch abgestattet habe – ein Großteil flaniert modellmäßig im schönsten Gänsemarsch hinter Michael her –, darf ich sogar zu den Kälbchen auf die Weide.

Der Hof von Lea und Julian liegt nur wenige Kilometer entfernt, ist umgeben von Wiesen, Weiden, Bäumen soweit das Auge reicht. „Morgens als erstes diesen Blick zu haben ist unbezahlbar“, sagt Lea. 

Sie führt mich in die „Kita“, den Stall für die jüngsten Ankömmlinge. Erst seit vorgestern sind die sechs Kälbchen hier, das Jüngste ist sieben Wochen alt, und alle bekommen noch Milchpulver aus der Tränke. Der Tränkeplan macht genau ersichtlich, wann und wie viele Liter jedes Kalb getrunken hat, die Tiere können sich ihre Rationen selber holen. Aber auch Silage, Mais, Kraftfutter gibt es für die Kleinsten, die mich mit großen Kulleraugen anblicken und interessiert an meiner am Boden liegenden Kameratasche schnuppern.

Mit dem Blick auf das wichtige Thema Tierwohl haben Siemanns sich 2022 zusätzlich für die muttergebundene Kälberzucht entschieden. Im Dezember wurden die ersten drei Kälbchen geboren. „Wir waren natürlich jedes Mal dabei. Es ist zum Glück alles gut gelaufen, ohne Komplikationen“, erzählt Lea.

Gerade kuscheln sich Mathilda, Tomahawk und Long Fellow auf der Weide an ihre Mütter. Die Namen durften die Paten aussuchen: Für jedes Kälbchen bieten die Siemanns eine bis zu zweijährige Patenschaft an. Die drei Mutterkühe wurden vom gleichen Bullen besamt, einem schwarzen Angus, da diese Rasse leichtkalbig ist, sprich die späteren Töchter kalben einfach und meist jedes Jahr.

Kühe und Kälber dürfen nun mindestens neun Monate gemeinsam auf der Weide verbringen. „So eine eigene Zucht ist teurer im Unterhalt“, sagt Julian. Zum einen koste sie viel Stroh und es könnten auch tierärztliche Aufwände anstehen, sollte es zu Behandlungen wie Kastration bei männlichen Kälbern kommen, um sie auf der Weide halten zu können. „Aber das ist unser Anspruch: Weidehaltung und Tierwohl, davon wollen wir auch nicht wieder weg“, erklärt er.

Die Kälber traben gemeinsam über die Weide, während die Mütter scheinbar schläfrig am Rand stehen. Doch sie haben allzeit ein Auge auf ihren Nachwuchs und setzen sich langsam in Bewegung, als die Kleinen neugierig in unsere Nähe kommen. Lea streichelt einem Kälbchen lächelnd den Kopf: „Die sind hier mit Streicheleinheiten groß geworden und alle ganz zutraulich.“ Ein wirklich schönes Bild, denn Lea und Julian werden bald zum ersten Mal selber Eltern.

Zum Abschluss gehen wir noch die Runde zum großen Stall mit 30 weiteren Rindern, die aufgrund des noch nicht erfolgten ersten Schnittes auf der Weide Anfang Mai noch nicht draußen sind. Während die sechs Mütter und Kälber abends fix ins Warme gebracht werden können, macht das bei einer Herde schon viel mehr Arbeit. Kühe mögen übrigens gemäßigte Temperaturen, wie ich erfahre: 15 Grad sind perfekt, außerdem brauchen sie Schatten und Unterschlupf. Mitte Mai ging es dann für alle auf die Weide, wo sie den Münsterländer Frühling und Sommer nun vollends genießen können.

MyMeatBox GbR

Text und Fotos: Miriam Lethmate

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