Website-Icon Paula Pumpernickel

Seltenheit: Erdbeeren gedeihen unter Photovoltaik

Agri was? Beim Anruf von Elmar Grothues muss ich meine Unwissenheit preisgeben. Als der Chef vom Hof Grothues-Potthoff in Senden dann erläutert, was hinter der neuen Anlage steckt, mache ich aber direkt einen Besuchstermin aus. Denn hier werden regionale Landwirtschaft und nachhaltige Energiegewinnung kombiniert.

Agri-PV, ausgeschrieben Agrikultur-Photovoltaik, ist also mit meinen Worten der landwirtschaftliche Anbau, in diesem Fall von Beeren, unter hohen, mit Solarpaneelen ausgestatteten Glasdächern. Und sie ist ein großer Schritt in Richtung Energiewende in der heimischen Landwirtschaft, zudem wird die Fläche doppelt genutzt.

Die Anlagen sehen beeindruckend aus und bündeln gleich mehrere Vorteile: Photovoltaik erzeugt während ihrer Nutzung keine Emissionen, der Solarstrom wird direkt vor Ort ins Netz gespeist und die Dächer schützen die empfindlichen Beeren vor Witterungseinflüssen. Es ist nämlich richtig schön warm unter der Agri-PV, obwohl das Wetter jetzt im Frühsommer typisch münsterländisch ist.

Auf dem Hof – im Anerkannten Obstbau-Fachbetrieb Westfalen-Lippe von Elmars Bruder Alexander Grothues – wachsen Erdbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren und Johannisbeeren in der zweiten Saison unter bis zu fünf Meter hohen Glasdächern. In Deutschland ist diese Anlagenart im Bereich des Erdbeeranbaus noch sehr selten.

Info: Alle Produkte des Hof Grothues-Potthoff tragen das Münsterland-Siegel, welches in der Region geerntete, hergestellte und maßgeblich veredelte Lebensmittel auszeichnet. Elmar Grothues ist seit 15 Jahren Vorsitzender des Vereins Netzwerk Münsterland Qualität, der das Münsterland-Siegel an seine aktuell 82 Mitglieder vergibt.

Der Hof Grothues-Potthoff ist seit rund 800 Jahren im Familienbesitz und kann innerhalb der Familie sage und schreibe 14 Generationen namentlich zurückverfolgt werden. Heute wird der Betrieb von den verschwisterten Familien Grothues, Langenkamp und Tekaat gemeinsam geführt.

Bisher gab es hierzulande Im Bereich Agri-PV meist Versuchsanbau zu Forschungszwecken, beispielsweise unter Federführung des Fraunhofer Institute for Solar Energy Systems (mehr Infos dazu hier). Eine Anlage in Höxter, für die Landesgartenschau angefertigt, stellt laut Fraunhofer Institut sogar zusätzlich Wasserstoff her. Es gibt also verschiedene Möglichkeiten, diese neue, nachhaltige Technik der Energiegewinnung einzusetzen. In Senden umfasst die wichtigste Versuchsanlage rund 25 mal 90 Meter Fläche, die den reifenden Erdbeeren ein angenehmes Klima beschert.

Mein Blick wandert über blassgrüne, rosa-grün-gescheckte und leuchtend rote Erdbeeren, die in Pflanzkästen wachsen. In sechs Reihen stehen die verschiedenen Sorten unter Dächern mit verschiedenen Solarmodulen, beispielsweise mit 49 oder 77 Prozent Transparenz, um die Unterschiede in der Entwicklung feststellen zu können. Mehrere Sensoren in der Anlage messen den Lichteinfall und die Sonneneinstrahlung in Wellenbereichen, in denen Photosynthese stattfindet.

Nachdem mir Elmar bereits die super süßen Himbeeren (wachsen ebenfalls unter Agri-PV sowie im Folientunnel) und Brombeeren (Doppelfolientunnel und überdacht) angeboten hat, pflücke ich auch bei den Erdbeeren ein paar Wegbeleiterinnen. Ohne zu probieren kann man schließlich nicht über eine Obstplantage gehen! Die Sorte Glorielle macht ihrem Namen alle Ehre – ich muss den fruchtig-süßen Geschmack wirklich rühmen.

Ein paar Reihen inspiziert Mitarbeiter Bakri die Pflanzen, nimmt einzelne Beeren in die Hand, vergleicht. „Hier gibt es 18 verschiedene Bewässerungstechniken, die muss man täglich im Blick haben. Jetzt gerade kontrolliere ich die Luftfeuchtigkeit und die Temperatur an den verschiedenen Stellen“, sagt Bakri.

„Wir ernten hier alle drei Tage und erfassen die Mengen natürlich genau. Unsere Haupternte findet natürlich noch auf dem Feld statt, aber es wäre schön, wenn wir diese irgendwann mal ersetzen könnten“, sagt Elmar Grothues. Schließlich wachsen die Beeren sowohl unter der Agri-PV als auch im Folientunnel witterungsgeschützt. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist das überdachte Arbeiten, bei dem man sich zudem nicht bücken muss, viel angenehmer.

„In der Agri-PV haben wir wenig Verdunstung und ein sehr gutes, angenehmes Klima. Letztes Jahr mussten wir zwischen den Himbeeren jeden Woche Rasen mähen, drum rum aber sieben Wochen gar nicht“, erinnert sich Elmar an die heißen Sommertage.

Spannenderweise ist die Agri-PV dadurch in der Lage, bis weit über die normale Saison hinaus Wachstum zu erzeugen. „Aufgrund der fehlenden Sonneneinstrahlung und Wärme wird die Agri-PV niemals in der Lage sein, früh Obst zu produzieren. Aber es ist möglich, die Saison nach hinten zu verlängern.“

Regionale Erdbeeren bis Ende Oktober? Kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn man im Herbst mal Lust auf Erdbeeren hat? Das ist für mich eindeutig die beste Nachricht des Tages! Die Früchte aus Spanien oder anderen Teilen der Welt kaufe ich nämlich generell nicht, Stichwort CO₂-Fußabdruck – und auch Geschmack.

„Wir versuchen, so umweltgerecht wie möglich zu produzieren. Dermaßen kostengünstig wie im Ausland geht das aber nicht und das wollen wir auch gar nicht, dafür haben wir in Deutschland hohe Sozial- und Umweltstandards. Die Anbaukosten sind hier auch überproportional gestiegen“, sagt Elmar.

Dafür kann der Hof mittlerweile Stromkosten einsparen bzw. ist unabhängiger von Marktschwankungen. Denn die Agri-PV-Anlagen sind nicht nur aufgrund der nachhaltigen Energieproduktion eine Investition in die Zukunft. Ein besonderer Mehrwert ist, dass der Strom ins Hofcafé gespeist wird. In den Sommermonaten wird der überschüssige Strom ins Sendener Netz gegeben, was den im Winter fehlenden Solarstrom finanziell ausgleicht.

Dadurch, so Elmar, sei man in Lage, eine Kostenkalkulation für die nächsten 20 Jahre aufzustellen – unabhängig vom schwankenden Strompreis. Solche Kalkulationen sind in der Landwirtschaft einmalig und in anderen Arbeitsbereichen am Hof unmöglich, da der Anbau zu vielen Unwägbarkeiten ausgesetzt ist.

„Wir waren sehr neugierig auf diese Technik. Im Bereich Erdbeeren gibt es EU-weit keine vergleichbare Anlage. Wir haben sie komplett selber geplant, alle Kabel selber verlegt, fast jeden Stecker selber verbunden, die Bewässerungstechnik selber ausgearbeitet. Das ganze Projekt macht einfach Spaß!“

Das kann ich verstehen: Schon alleine Beeren zu pflücken, die nachhaltig angebaut wurden und köstlich schmecken, beschert einem ein wirklich gutes Gefühl. Auf dem Weg über die große Plantage kommen wir noch am Doppelfolientunnel für die Brombeeren vorbei, ebenfalls ein neues Projekt.

Dabei wird zwischen die durchsichtigen Folien mittels eines Ventilators Luft geblasen, wodurch im Tunnel mehr Wärme entsteht. Die hier wachsende Sorte Sweet Royalla glänzt in der Sonne fast schwarz. Die Überraschung: Der sonst leicht herbe Geschmack von Brombeeren weicht einer unheimlich fruchtigen Süße.

Nach den ganzen Naschereien zieht es mich nun unweigerlich Richtung Hofcafé, um die Torte des Monats Juni zu kosten: eine Himbeersahnetorte mit Holunderblüten und Mandelboden, sooo lecker. Und wer weiß, dank Agri-PV darf man im Oktober vielleicht eine Sahnetorte mit frischen, regionalen Erdbeeren genießen …

Text: Miriam Lethmate

Bilder: Hof Grothues-Potthoff / Miriam Lethmate

Die mobile Version verlassen