
In der Bäckerei Geelink in Vreden ruht ein wahrer Schatz. Ganz unauffällig und etwas farblos ist er, doch ideell und auch im täglichen Arbeiten ein bedeutender Teil des Familienunternehmens: Es ist der Natursauerteig, die Grundlage für Geelinks traditionelles Sauerteigbrot. Und zwar seit sage und schreibe 75 Jahren!
Als Wilhelm Geelink nebenbei erwähnt, dass in seiner Bäckerei das Rezept seines Vaters und eben auch die gleiche Grundlage des Rohstoffs verwendet werden, bin ich mehr als erstaunt. Wer Sauerteig (Mehl, Wasser, Hefe) zuhause verwendet, weiß natürlich, dass er immer weiter angefüttert und durch Gärung weitergezüchtet werden kann. Aber von einer jahrzehntelangen Verwendung und Weiterentwicklung hatte ich noch nicht gehört.
„Das Vermächtnis meines Vaters ist noch sehr lebendig. Wir verwenden viele seiner traditionellen Rezepte aus der Gründungszeit Anfang der Fünfziger. Nach dem Krieg war die Gastronomie nebenan, wo er gearbeitet hat, zerstört. Er hat sich dann als Bäckermeister selbstständig gemacht und alles alleine aufgebaut“, erzählt Wilhelm Geelink, während er mich durch seine Backstube führt.
Es ist neun Uhr, der Trubel hat sich schon gelegt, zumal die Brote nicht für den gleichen Tag gebacken werden – ein absolutes Qualitätsmerkmal: Die Teigruhezeiten betragen mindestens 16 Stunden. Während bei industriellen Backwaren der Teig nach etwa zehn Minuten verarbeitet werde, wird hier großen Wert auf eine lange Teigführung gelegt. Frei von Zusatzstoffen und Stabilisatoren sind die Brote aus regionalen und bio-regionalen Rohstoffen besonders lange saftig. Seit 2025 ist die Bäckerei mit dem Münsterland-Siegel ausgezeichnet, das Produkte kennzeichnet, die nachweislich im Münsterland geerntet oder produziert werden.
Die Uhren ticken hier bewusst etwas langsamer, moderne Technik ist jedoch mit im Einsatz, beispielsweise beim maschinellen Abwiegen sämtlicher Teige oder beim Portionieren.
Wilhelm Geelink schloss seine Ausbildung als Bäcker- und Konditormeister 1983 ab, übernahm den Betrieb, den er mit seiner Frau Marita führt, Anfang der 90er von seinem Vater. Im Laufe der Zeit stellte er den Rhythmus etwas um und trauert den Zeiten, als noch viel mehr körperliche Arbeit gefragt war, nicht nach.
„Wir kombinieren traditionelles Handwerk mit moderner Technik. Die ursprünglichen typischen Arbeitszeiten eines Bäckers übernehmen ab 2 Uhr je zwei Mitarbeiter. Die stehen dann bis sieben am Ofen.“ Er selbst tritt den Gang zur Arbeit, tatsächlich nur zwei Treppen hinunter, meist gegen vier Uhr an. An den Rhythmus gewöhne man sich, sagt Wilhelm Geelink, will seinen Mitarbeitenden jedoch auch familienfreundlichere Zeiten bieten. Die Tagschicht beginnt daher erst um sechs Uhr.
In der Innenstadt von Vreden leben etwa 8000 Menschen, durch die zentrale Lage im Schatten der Kirche lockt die Bäckerei Laufkundschaft an. Viele sind Stammkundinnen und -kunden, die die besonderen Handwerksprodukte schätzen. Zudem bespielt das Team zwölf Wochenmärkte im westlichen Münsterland. Wilhelm Geelink würde sich allerdings nie auf diesen Lorbeeren ausruhen, schließlich habe es früher neun Bäckereien in Vreden gegeben. Die Bäckerei Geelink ist als einziger Meistergeführter Betrieb erhalten geblieben, was sicher auch an der Philosophie liegt: dem Handwerk die nötige Zeit zu gewähren, hochwertige, regionale Rohstoffe einzusetzen, immer auch neue Ideen einzubringen.
Und tolles Teamwork – die Bäckerei ist Ausbildungsbetrieb und beschäftigt sehr gerne und stolz noch immer den ersten Azubi, der nach der Betriebsübernahme 1991 ausgebildet wurde. „Dieser Kollege hat all unsere Rezepte im Kopf. Für den Zivildienst hat er ein Mal unterbrochen und ist dann zurückgekommen“, erzählt Wilhelm Geelink schmunzelnd.
Luise und Wilhelm Geelink legten 1954 den Grundstein für die Bäckerei. „Jede Generation hinterlässt ihren eigenen Fußabdruck. Mein Vater hat alles aufgebaut und auf eine feste Grundlage gestellt. Wir haben allem ein etwas anderes Gesicht gegeben, vor allem mit dem Wein- und Feinkosthandel, den meine Frau macht.“
Marita Geelink ist ausgebildete Weinfachberaterin und Sommelière. Mit viel Herzblut konzipierte sie 2001 das Wein- und Feinkosthaus, das schnell eine große Stammkundschaft bekam.
„Ich wähle viele Weine vor Ort aus, sie werden aus ganz Europa direkt importiert. In Italien arbeite ich zum Beispiel eng mit der italienischen Handelskammer und der Sommelier-Union zusammen. Als wir mit dem Laden angefangen haben, ging das weit über einen Fulltime-Job hinaus“, sagt Marita Geelink, während sie einen ganz besonderen Wein aus dem Regal zieht.
Der „Vremingo“, ein fruchtiger Bio-Rosé, wurde eigens für den Weinhandel Geelink in limitierter Auflage abgefüllt. Das Etikett ziert ein eleganter Flamingo in Zartrosa – das inoffizielle Wappentier der Stadt Vreden, da im Zwillbrocker Venn die nördlichste Flamingo-Kolonie Europas heimisch ist.
Marita Geelink, Krankenschwester, studierte Sozialarbeiterin und natürlich Weinfachberaterin, liebt es, Menschen zusammenzubringen: Mit viel Kreativität kümmert sie sich um alles, was die Selbstständigkeit mit sich bringt, sei es Verkauf, Organisation oder Social Media.
„Das hier ist Maritas Schatzkammer“, sagt Wilhelm Geelink lächelnd, als er die Tür zu einem stilvoll eingerichteten, lichtdurchfluteten Raum öffnet, dessen Blickfang eine Sitzecke und ein großes Weinregal ist. Hier im Genusshaus bietet Marita Geelink Veranstaltungen an, die Gaumen und Geist erfreuen. Spanische oder portugiesische Winzer oder Olivenölproduzenten waren bereits vor Ort, um von ihren spannenden Berufen erzählen.
Es gab Kochabende, Whisky-Proben, Sauerteigseminare und auch Firmen- und Familienfeiern bekommen hier ein besonderes Flair, wenn die vielfältigen, handgemachten Produkte aus der Bäckerei und Konditorei verkostet werden.
Wilhelm Geelink ist ja auch Konditormeister und hat an einer altehrwürdigen Adresse gelernt: im bekannten Café Kleimann am Prinzipalmarkt in Münster, das es heute leider nicht mehr gibt.
Im ehemaligen Friseurgeschäft neben der Bäckerei konnte Wilhelm Geelink die Konditorei eröffnen. Während wir hinübergehen, erzählt Wilhelm Geelink, dass sein Onkel und sein Großvater Schneider waren und der Opa aus den Niederlanden stammte. „Deswegen bin ich auch Niederländer“, sagt Wilhelm Geelink. Auf meine Frage hin, ob ich seinen Namen vielleicht falsch geschrieben habe und er eigentlich wie der König heiße, antwortet er lachend: „Getauft wurde ich Wilhelm, aber ich mache mir einen Spaß daraus und schreibe mich selber Willem, also mit zwei L, wie in den Niederlanden üblich.“
Ein wunderbarer Duft nach Mandeln strömt uns beim Türöffnen entgegen. Konditormeisterin Nadja Winking bereitet gerade Nussecken und einen Apfel-Mandelkuchen zu. Sie ist eine von drei Konditorinnen, die vornehmlich für die süßen Träume verantwortlich ist. Am liebsten, so die 25-Jährige, fertige sie Hochzeitstorten an. Dieses Jahr seien Vintage Cakes mit viel Buttercreme, Röschen und Schnörkeln beliebt.
Einer 25-jährigen Meisterin begegnet man nicht alle Tage. Kommt Nadja Winking auch aus einer Bäckersfamilie? „Nein, aber ich wollte schon mit 13 Konditorin werden. Meine Lehrer haben versucht, mich wegen der angeblich schlechten Arbeitszeiten davon abzuhalten“, erzählt sie.
Einer jungen Frau von einem so tollen Handwerksberuf abzuraten ist absolut fahrlässig, aber Nadja hat sich zum Glück nicht davon beeindrucken lassen. „Ich habe meinen Meister in Potsdam gemacht, weil das dort in kürzerer Zeit möglich ist, und dann bin ich direkt wieder nach Hause gekommen.“
Eine weitere junge Frau bleibt dem Handwerk treu und hat Wilhelm und Marita Geelink mit ihrer Zielstrebigkeit überrascht: die eigene Tochter Liz. Mit nur 21 Jahren hat sie im Februar die Meisterprüfung zur Bäckerin bestanden! Ihre Eltern waren völlig verblüfft von diesem Berufswunsch: „Bis zum Abi war es nie ein Thema, dass sie Lust hat, in meine Fußstapfen zu treten“, sagt Wilhelm Geelink, der aus eigener Erfahrung weiß, dass der Berufswunsch von Herzen kommen muss. Sein Vater habe ihm die Wahl gelassen und immer gesagt, er solle den Beruf ergreifen, den er selbst für perfekt und passend halte.
„Wir sind natürlich sehr stolz auf Liz. Es ist unfassbar, wie schnell sie fertig geworden ist.“
Nun geht sie erstmal ins schöne Salzburg, doch die Chancen, dass sie eines Tages in die Heimat nach Vreden zurückkehren wird, stehen gut. Das Vermächtnis ihres Vaters und Großvaters wird bei Liz Geelink in meisterhaften Händen sein. Und natürlich wird sie auch den familieneigenen Sauerteig weiter hegen, pflegen und füttern.
Filiale an der Stadtlohner Straße 5, Tel. 02564-396476
Weitere Eindrücke
Text und Fotos: Miriam Lethmate

