Werkstätten Haus Hall: Bio Pur

Mit konzentriertem Blick, den Stängel fest in der Hand, lässt der hochgewachsene Mann sein Messer auf und ab tanzen. Der große Abfalleimer vor ihm füllt sich immer höher mit Rhabarberschalen, während der Mann seine Arbeit verrichtet. Nicht hektisch, sondern mit einem Lächeln auf den geschürzten Lippen und geradem Rücken. Eine einfache Tätigkeit, die dem Mann offensichtlich Freude bereitet und die essentiell ist. Denn ohne Rohstoff kein Produkt. Und ohne die Menschen, die hinter den Kulissen Hand in Hand arbeiten, keine Einmaligkeit, keine Geschichte.

Es ist die Geschichte eines Ortes, an dem Menschen mit geistiger Behinderung seit Jahren Zuwendung, Arbeit und ein Zuhause geboten werden. Ein Ort nämlich, an dem sie gebraucht werden, der ohne sie so nicht existieren würde.

Ich bin zu Besuch bei den Werkstätten Haus Hall. Genauer gesagt auf der Bio-Obstplantage der Marienburg in Coesfeld mit ihren angeschlossenen Produktionsstätten Konfitürenküche, Mosterei, Abfüllung und Lager für die Marke „Bio Pur – Genuss aus Coesfeld“.

Haus Hall Bio Pur7

Es ist ein idyllisch im Grünen gelegenes, mit vielen Gebäuden ausgestattetes Areal, an dessen Ende sich die 16 Hektar große Plantage erstreckt. Doch das war nicht immer so. Die Marienburg war über 100 Jahre lang eine „Erziehungsanstalt“ für Mädchen, die bis zu ihrer Schließung Ende der 70er Jahre von den Schwestern von der Göttlichen Vorsehung geführt wurde. In den 80er Jahren dann wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen: Die Marienburg wurde von der Stiftung Haus Hall übernommen, die dort Werkstatt- und Wohnbereiche für Menschen mit Behinderung einrichtete.

Ein Leistungsbereich der Werkstätten ist die Obstplantage. Hier werden unterschiedlichste Obst- und Gemüsesorten angebaut, seit 2012 ist die Eigenmarke Bio Pur sogar Bio-zertifiziert. Wenngleich die Produkte Grundlage der täglichen Arbeit sind, steht doch der Mensch im Mittelpunkt der Philosophie. Mehr als 35 Menschen mit und ohne Behinderung haben hier einen Arbeitsplatz und sind für die Marke zuständig.

Wie so oft hat alles klein angefangen. Vertriebsleiter Markus Funke und Produktionsleiter Dietmar Heinker führen mich durch die Konfitürenküche, die früher ein Traktorschuppen war. Vorbei sind mittlerweile die Zeiten, als die Mitarbeiter der Essenausgabe nebenbei Früchte eingekocht haben, erzählt Markus Funke. Heute ist die Konfitürenküche Teil eines eigenen Leistungsbereichs.

Hier reinigen, schälen, schnibbeln, portionieren die Beschäftigten Früchte oder sorgen nebenan für die schonende Kochung des Gelees. Alles komplett in Handarbeit. Anders soll es hier auch bitte gar nicht gemacht werden: „Wir wollen ja bewusst Beschäftigung schaffen. Alle Produktionsschritte geschehen direkt auf unserem Gelände und die Beschäftigten identifizieren sich mit ihren Produkten. Natürlich sind die stolz, wenn sie ihre Konfitüren beim Einkaufen im Regal sehen“, sagt Markus Funke.

Neben den Werkstattläden in Coesfeld und Gescher kann man die mit dem Münsterland-Siegel ausgezeichneten Bio Pur-Produkte auch bei regionalen Einzelhändlern und natürlich in Bio-Läden kaufen. Der Vertrieb erfolgt nach dem Prinzip der Regionalität im Umkreis von etwa 100 Kilometern um Coesfeld.

Konfitüren, Gelees, Fruchtaufstriche mit 70 Prozent Fruchtanteil, Säfte und edle Liköre gehören zum Sortiment – und alle sind nach den strengen Naturland-Richtlinien zertifiziert. Man habe, so Dietmar Heinker, bei Anbau, Ernte und Weiterverarbeitung ganz bewusst nicht nur auf die EU-Bio-Norm gesetzt, sondern auf die Bestimmungen des deutschen Verbandes, da dieser für noch höhere Qualität stehe.

Nach seiner Lieblingssorte gefragt, antwortet ein langjähriger Beschäftigter, der am Vakuumkocher und in der Abfüllung arbeitet: „Wie soll ich mich da entscheiden? Alles schmeckt!“ Dann kontrolliert er, ob der Kocher genau 58 Grad erreicht hat und fügt hinzu: „Im Moment esse ich jeden Tag am liebsten schwarze Johannisbeere und Erdbeer-Rhabarber.“

Von 7.45 bis 16 Uhr arbeitet das Küchen-Team der Werkstätten Haus Hall. In der Betreuung erleben die Beschäftigten mit Behinderung einen strukturierten Arbeitstag, der ihnen Sicherheit gibt. Hier können sie am Arbeitsleben teilnehmen, beruhigt mit ihren Schwächen auftreten – und so ihre Stärken ausbauen.

Während wir die Konfitürenküche verlassen und uns auf den Weg zur Plantage machen, zählt Dietmar Heinker die verschiedenen Sorten Gemüse, Beeren und Kernobst auf. Und ich muss wirklich schnell schreiben, er kennt das Areal und die Standorte wie seine Westentasche: Rhabarber, Stachelbeeren, Aronia-Beeren, Brombeeren, Quitten, Äpfel, Birnen, Pflaumen, Holunderbeeren. Hab ich was vergessen? Klar! Himbeeren.

Diese Sträucher bearbeitet nämlich gerade einer der 14 Plantagen-Beschäftigten. Fachgerecht ausgestattet mit Blaumann, Handschuhen und Käppi schwingt er die Harke und erzählt gut gelaunt von seiner Lieblings-Konfitüre (ebenfalls Schwarze Johannisbeere, die muss ich wohl mal probieren) und den Tieren, die er bei seiner täglichen Arbeit beobachtet.

Tatsächlich habe auch ich vorhin einen Fasan die Holunderbüsche entlang flanieren gesehen, außerdem gibt es ein von den Mitarbeitern angelegtes, aber leider noch leeres Storchennest. Nicht zu vergessen die Bienen. Ein ehemaliger Abteilungsleiter ist Imker und hat Sorge getragen, dass sieben Bienenvölker an den Wegesrändern residieren und fleißig ihre Arbeit verrichten.

Einfluss auf die Ernte hat aber hauptsächlich, wer hätte es gedacht, das Wetter: Die Birnenblüte ereilte im Frühling der harte Frost, Früchte wird es also dieses Jahr keine geben, erklärt Markus Funke enttäuscht, nachdem er die langen Reihen mit Birnbäumen unter die Lupe genommen hat.

Viel besser lief es mit der pflegeleichten, robusten Aronia-Pflanze, deren Beeren eine absolute Mineralien- und Vitamin-Bombe sind, wie Dietmar Heinker verrät. Teure und eingeflogene Chia-Samen, Acai-Beeren (aus dem Amazonas…) oder meist aus China stammende Goji-Beeren? Nö! Das viel gehypte Superfood aus Übersee kann tunlichst vermieden werden, wenn diese auch „Gesundheitsbeere“ genannte Apfelbeere vor der Haustür wächst.

Seit drei Jahren setzt Bio Pur auf den Aronia-Anbau, konnte vergangenes Jahr eine Tonne Früchte einfahren. Ebenso wie rund zwanzig Tonnen Äpfel oder zwölf Tonnen Rhabarber.

Nicht nur in der Konfitürenküche, sondern auch in der hauseigenen Mosterei werden alle Früchte direkt nach der Ernte verarbeitet. Das Motto heißt „Frisch vom Land direkt in die Flasche“ und die Bio-Säfte bestehen aus reinen Früchten. Synthetische Süß- oder Farbstoffe, Konservierungsmittel, Geschmacksverstärker: Gibt′s hier nicht!

Vier Mitarbeiter plus Gruppenleiter bedienen in der Mosterei die Maschinen. Im Sinne der hauseigenen Philosophie wird aber auch vieles in Handarbeit gemacht, sofern auf maschinelle Bearbeitung verzichtet werden kann. Nachdem die Früchte beispielsweise in einem Sammelbecken vorgereinigt worden sind, sortieren die Mitarbeiter sie per Hand. In einem Mahlwerk wird dann das Mus hergestellt, es folgen Bandpresse, Siebe, die Füllung in Tanks. Über eine Zentrifuge mit so genanntem Separator werden die Trübstoffe herausgefiltert.

Zum Schluss kommt die Erhitzung auf 85 Grad, bevor der Saft in Stahltanks mit bis zu 3000 Litern Fassungsvermögen gelagert wird. Zur besseren Vorstellung: Aus drei Tonnen Äpfel entstehen rund 2100 Liter Saft.

Mir fallen pittoresk geformte und befüllte Röhrchen auf, die jede Tanköffnung verzieren. Von wegen hübscher Blickfang – hier arbeitet Schwefelsäure, die die angesaugte Luft durch schwankende Druckverhältnisse im Tankinneren desinfiziert, so dass es darin nicht gärt, wie Markus Funke erklärt.

Bei der Abfüllung sind dann wieder die Beschäftigten vermehrt am Zuge. Das Leergut kommt per Hand in die Spülmaschine, beschädigte oder verschmutzte Flaschen werden aussortiert, und auch beim Packen der Kisten oder Etikettieren sind immer Beschäftigte der Werkstätten mit im Einsatz.

Obst anbauen und hegen, die Ernte einfahren und verarbeiten, genau erleben, was aus den Sorten entsteht: An jeder einzelnen Station kann man spüren und sehen, wie stolz das Bio Pur-Team auf diese gebündelte Leistung ist. Zu Recht!

Haus Hall Bio Pur35

Werkstätten Haus Hall GmbH
Bio Pur – Genuss aus Coesfeld
Borkener Str. 74
48653 Coesfeld

Telefon: +49 (0)25 42 -70 37 01 0

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Text und Fotos (bis auf anders angegebene): Miriam Lethmate

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