Camphill Werkstätten

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Die Häuser sehen ein bisschen aus wie eine niederländische Ferienanlage mit ihren flachen, grasbewachsenen Dächern und der Holzfassade. Sie bilden einen Halbkreis. Die Camphill Dorfgemeinschaft in Steinfurt, die ich heute besuche, ist ungewöhnlich – zumindest auf den ersten Blick. 67 Menschen mit Beeinträchtigung wohnen hier in einer Gemeinschaft und arbeiten in den dazugehörigen Werkstätten. Hinzu kommen noch sechs externe Mitarbeiter. Die Bäckerei hat 14 Beschäftigte, von denen die meisten gerade neugierig aus den großen Fensterscheiben schauen, um zu sehen, wer der Besuch ist. Ich gehe hinein, gebe Bäckereileiter Frank Stening zur Begrüßung die Hand, als sich mir auch schon die nächste Hand entgegen streckt. „Hallo, mein Name ist Christoph. Und wer bist du?“ – „Ich bin Sabrina.“ – „Hallo, Sabrina. Was machst du hier?“ Ich merke schon: Wer hier Fragen hat, stellt sie direkt. Das gefällt mir. Christoph hat alles geklärt, was er wissen wollte, und geht wieder in die Backstube. Zusammen mit Tim Berge, der ein Freiwilliges Soziales Jahr in der demeter-Bäckerei absolviert, backt er heute die Brötchen die im Laden der Dorfgemeinschaft verkauft werden.

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In der Bäckerei…
Die Zutaten sowie die Bestandteile des Teigs stammen zum Teil aus der eigenen, kleinen Landwirtschaft, die die Camphill Dorfgemeinschaft betreibt, fast immer aber aus dem Münsterland – etwa vom Biohof Overesch in Steinfurt, der Weiling GmbH aus Coesfeld und der Davert GmbH aus Ascheberg. „Die Philosophie unserer Gemeinschaft sieht eine autarke Versorgung vor“, erklärt Geschäftsführer Bastian Kratz. „So haben wir 1989, als die Camphill Dorfgemeinschaft gegründet wurde, auch begonnen. Aber die Zahl der Dörfler, wie wir sie nennen, ist schnell gewachsen, und es ist nicht mehr möglich, uns komplett selbst zu versorgen.“ Die Produkte der Bäckerei haben Demeter-Qualität, das heißt, sie werden in biologisch-dynamischer Landwirtschaft nach anthroposophischen Prinzipien und ohne Gentechnik hergestellt. Um die Qualitätsstandards zu halten, kommen einige wenige Zutaten auch aus anderen Regionen, wie zum Beispiel das Getreide aus Süddeutschland. Rund ein Hektar Land bewirtschaften die Dörfler selbst. „Wir haben Mutterkuhhaltung, bauen unter anderem Kohl, Gurken, Tomaten, Rhabarber, Stachelbeeren und Erdbeeren an“, erklärt Bäckereileiter Frank Stening. „Das reicht für ein paar Mittagessen oder Kuchen für die Dorfgemeinschaft, aber nicht für die Produkte, die wir verkaufen.“

Plätzchen sorgen für Abwechslung…
Brotwaren und Feingebäck von den Dörflern gibt es im Werkstattladen in der Burgsteinfurter Innenstadt, einigen Bioläden und Reformhäusern und auf Bestellung – ein Bereich, den Bastian Kratz noch etwas ausbauen möchte. „Unsere Mitarbeiter sind gut ausgebildet, sie haben Potential und können eine Menge leisten. Das wollen wir Ihnen auch ermöglichen, natürlich innerhalb unserer Grenzen“, sagt Kratz. Die Grenzen, das sind zum Beispiel die Arbeitszeiten. „Schulverpflegung können wir deshalb nicht leisten“, sagt Kratz. Die Grenzen, das sind zum Beispiel auch feine Sahnetorten, wofür den Dörflern einfach die nötige, ausgeprägte Feinmotorik fehlt. „Großartig funktionieren dagegen Plätzchen, weil ihre Herstellung abwechslungsreich ist und unterschiedliche Schwierigkeitsgrade beinhaltet – vom Abwiegen der Zutaten bis zum Plätzchen aufs Blech legen. Deshalb bieten wir in diesem Bereich auch eine so große Vielfalt an“, erklärt Bastian Kratz. Grundsätzliche gelte: „Wir nehmen nie so viele Aufträge an, dass unsere Mitarbeiter in Stress geraten. Das unternehmerische Denken bleibt immer untergeordnet.“

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Gearbeitet wird immer im Team…
Von 8.30 bis 15.45 Uhr arbeiten 14 Dörfler, ein bis zwei Praktikanten und Frank Stening an fünf Tagen in der Woche in der Bäckerei. Sie machen zusammen Frühstückspause, essen gemeinsam Mittag und putzen auch jeden Tag die Backstube. „Wenn 14 Leute einen Schrubber über den Boden schieben, kommt man schnell voran und hat auch noch Spaß dabei“, sagt Stening. Die Maschinen nehmen die Bäckerei-Mitarbeiter ebenfalls auseinander und reinigen sie. „Jeder hat seine Aufgabe und weiß genau, was zu tun ist“, erklärt Stening. Das gilt auch für die Herstellung des Feingebäcks und der Backwaren. Jeder macht das, was ihm gefällt und was er am besten kann. Manche Arbeiten sind einfacher, manche schwieriger. Manche Dörfler brauchen genauere Anleitungen, manchen genügt es, wenn sie das Rezept vor sich haben.

Für jedes Rezept gibt es eine Anleitung…
Hannes zum Beispiel hat einen großen Ringordner mit der Anleitung für Pflaumenmustörtchen, natürlich dick in Plastikfolie eingeschweißt, denn beim Backen geht immer ein Klecks daneben. Auf der ersten Seite zeigen große Fotos, was er benötigt: Lineal, Hörnchen, Backblech mit Papier, Pinsel, Ausstecher. Dann folgt das Pflaumenmustörtchen-Backen in 26 Schritten auf 26 Fotos. Jedes Detail ist zu sehen. Am Ende zeigt ein Blatt voller hochgestreckter Daumen und dem fertigen Törtchen: Du hast es geschafft. „Hannes hat fast ein Jahr gebraucht, um alles zu lernen. Jetzt ist er stolz, dass er es kann“, sagt Frank Stening. Manche Backstuben-Mitarbeiter lernen ihre Aufgabe innerhalb von drei Tagen. Anne zum Beispiel führt mit der Konditorei ihre eigene kleine Abteilung und lernt gerade das Bestellwesen. Für jeden das Richtige zu finden, das ist der eine Teil des Jobs von Frank Stening. Der zweite Teil hat etwas mit Balance zu tun, denn auch das, was man sich mühsam angeeignet hat, wird irgendwann langweilig. „Deshalb wechseln wir die Aufgaben, so dass jeder zwei bis drei verschiedene Sachen am Tag machen kann. Morgens ist zum Beispiel das Brotbacken an der Reihe, nachmittags die Plätzchen, mal zum Ausstechen, mal mit dem Fleischwolf.“

Thorsten und Sebastian arbeiten an diesem Morgen im Team, wie sie es häufig tun. Sie backen Roggenvollkornbrot. Thorsten macht den Anfang. Mit einer kleinen Kelle hebt er die Zutaten aus den Metallschubladen des Regals neben ihm: 200 g Roggenschrot, 10 g Meersalz, 30 g Hefe, 50 ml Wasser. Auf einer Waage steht eine Metallschüssel, Thorsten misst die Mengen ab. Dann ist Sebastian dran. Mit Schwung schüttet er die Zutaten in die Teigmaschine und drückt den grünen Start-Knopf. 30 Minuten rühren, 20 Minuten ruhen, nochmal 20 Minuten rühren und wieder 20 Minuten ruhen. Sebastian hat die Uhr genau im Blick. „Der Teig ist noch nicht fertig“, sagt er als Frank Stening den Klumpen für ein Foto schon mal auf den Abwiegetisch tragen will. Hier läuft alles genau nach Plan. Und der sieht vor, dass jetzt Thorsten an der Reihe ist. Er knetet den Teig, von dem Sebastian die nötige Menge für die Brote abgewogen hat, noch einmal durch. „So geht die Luft raus, damit beim Backen keine Löcher entstehen. Das macht er besser als so mancher Lehrling im zweiten Lehrjahr“, sagt Frank Stening. Thorsten lächelt stolz, während Sebastian mit einem kleinen Sprinkler schon mal das Fett in den Conze-Brotkasten spritzt. Sieben kleine Brote passen dort rein. Die beiden Bäcker tauschen jetzt ihre Plätze, denn Sebastian bringt den Teig in Form und Thorsten legt ihn in den Kasten. Dann nimmt Thorsten den großen Brotschieber, stößt ihn unter den Kasten, trägt ihn zum Ofen und lässt ihn hineingleiten. Nach ganz hinten muss er. Frank Stening gibt etwas Wasserdampf darauf. „Den brauchen wir, damit die Hefe hochzieht und die Krume nicht reißt“, erklärt er.

Thorsten und Sebastian kümmern sich schon wieder um den nächsten Brotteig-Klumpen, denn das einzige, was in der Camphill Dorfgemeinschaft wirklich ungewöhnlich ist, ist die riesige Freude, der großen Sorgfalt und das hohe Engagement mit dem hier alle ihre Arbeit machen.

Weitere Fotos:

Camphill Werkstätten
Steintorfeldmark 13
4865 Steinfurt
Tel.: 02551-833600

 

Unbenannt-1Fotos: Maren Kuiter               foto_beckerText: Sabrina Becker

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