Deckenbrock Kleiner Kiepenkerl

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„Ein Gasthaus muss wie ein zweites Zuhause sein, und wenn der Gast dieses Gefühl hat, dann haben wir es richtig gemacht“, sagt Wolfgang Deckenbrock. Er ist der ehemalige Hausherr des Kleinen Kiepenkerls in Münster. Heute führen seine Tochter Sabine Deckenbrock und sein Enkel Moritz Ludorf das Restaurant gemeinsam. Ludorf erklärt die lange Erfolgsgeschichte so: „Futtern wie bei Muttern kommt eben nie aus der Mode.“ Die Familie Deckenbrock führt den Kleinen Kiepenkerl, die ehemalige Bierstube Wielers, schon in der vierten Generation und gehört damit zu den Urgesteinen der münsterischen Gastronomieszene. Wo sich in vielen Innenstädten zunehmend gastronomische Ketten ausbreiten, hat sich die Familie Deckenbrock über Generationen diesen Standort für eines der bestbesuchtesten traditionell westfälischen Gasthäuser in der Stadt gesichert.

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Auf dem Vorplatz, den sich der Kleine Kiepenkerl mit dem betrieblich unabhängigen Großen Kiepenkerl teilt, steht zudem eines der bekanntesten touristischen Fotomotive in Münsters Innenstadt: die eiserne Statue des Kiepenkerls. Als Symbol der damaligen Handelsleute, die mit ihrer Kiepe verschiedene Waren wie Kartoffeln, Kohlen oder Kleidung von Stadt zu Stadt trugen und dort verkauften, ziert der Kiepenkerl damals wie heute den Platz direkt vor dem Giebelhaus. Selbst den Zweiten Weltkrieg hat die Statue, die schon 1896 vom münsterischen Bildhauer August Schmiemann erstellt wurde, überstanden. Erst ein Wendemanöver eines englischen Panzers wurde ihr zum Verhängnis, sodass die aktuelle Statue 1953 nach altem Vorbild neu angefertigt wurde.

Von der Dortmunder Union zum kleinen Kiepenkerl…

Nun aber zum Kleinen Kiepenkerl. Die Dortmunder Union Brauerei bot 1953 den Eltern von Wolfgang Deckenbrock an, die Bierstube Wielers zu übernehmen. Sie sagten zu und eröffneten am 17. November 1955 das Lokal – unter seinem alten Namen. Wolfgang Deckenbrock erinnert sich noch gut daran. „Ich durfte den Kellnern unsere für damalige Verhältnisse hochmoderne Kasse erklären. Mein Vater hatte mal wieder etwas Technisches erstanden, wusste aber eigentlich nicht so genau, wie es funktionierte.“ Dass die Bierstube ihren alten Namen behielt, war übrigens eine reine Vorsichtsmaßnahme. „Mein Vater wollte nicht mit seinem Namen in der Zeitung stehen, sollte er jemals Konkurs anmelden müssen“, sagt Wolfgang Deckenbrock. Eine Vorsichtsmaßnahme, die – wie die spätere Entwicklung gezeigt hat – gar nicht nötig war. „Die Münsteraner nannten das Haus aber immer schon Kleiner Kiepenkerl. Als die Namensrechte dann 1988 ausliefen, stand dem neuen Namen nichts mehr im Weg“, erklärt Moritz Ludorf.
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PS3B4248Ich besuche das Restaurant an einem normalen Wochentag. Das Wetter ist sehr wechselhaft, dennoch sitzen am Mittag draußen und drinnen schon die ersten Gäste, um sich ihre Gerichte auszusuchen. „An Tagen wie heute gehen um die 200 Gerichte über die Theke. Am Wochenende, wenn die Sonne mitspielt, sind es im Sommer zwei bis drei Mal so viel. Dafür müssen unser Küchenteam und unsere Leute im Service perfekt eingespielt sein – und das sind sie auch“, sagt Moritz Ludorf. „Unsere Gäste kommen natürlich wegen der Speisen und des Ambientes, aber auch wegen des netten Personals. Viele unserer Mitarbeiter sind schon länger hier als ich. Außerdem haben wir viele Stammgäste, die unser Lokal sehr schätzen.“ So wie die beiden älteren Damen, die Moritz Ludorf gerade begrüßt. „Sie kommen fast jeden Tag zum Essen zu uns.“

Der Münsteraner Tatort zu Gast …

Zu Gast waren übrigens auch schon die Münster-Tatort-Darsteller Axel Prahl, Jan-Josef Liefers und Christine Urspruch. Der Beweis findet sich in dem aufgeklappten Gästebuch direkt im Eingang des Gasthauses. Nun geht es aber endlich in die Küche. Hier beginnt das Reich von Jörg Hönow, der vor einigen Jahren den Posten des Chefkochs übernommen hat. Er ist schon fast 20 Jahre hier im Betrieb. Gelernt hat er allerdings im Roten Rathaus in Berlin und ist nach einigen Stationen in Westdeutschland zum Kleinen Kiepenkerl gekommen. „Er hat die regionale Küche und frische Zutaten noch stärker in den Fokus gerückt“, so Wolfgang Deckenbrock. Deshalb wurde das Restaurant auch Mitglied in der Regionalen Speisekarte und damit dem Münsterland-Siegel, dessen Ziel es unter anderem ist, die münsterländische Küche wieder attraktiv zu machen und ein Netzwerk für Gastronomen zu sein, die zeigen wollen, was man aus regionalen Zutaten alles zubereiten kann.
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Vorbereitungen in der Küche …

Jetzt beginnen in der Küche die Vorbereitungen für das Mittagsgeschäft. Jörg Hönow wartet auf die Warenlieferungen. Frischer Spargel vom Hof Bäcker und viele andere Zutaten, die jetzt dringend gebraucht werden. Fünf Köche schneiden Salat, braten Reibeplätzchen und kochen Kartoffeln. Jeder Griff sitzt, und auch wenn ich zwischen den schnellen Bewegungen die meiste Zeit nur im Weg stehe: Die Köche stehen sich nie im Weg. „Die Küche ist so eingespielt, dass es ein Räderwerk ist, in dem ein Zahn in den anderen greift. Jeder weiß, wenn annonciert wird, welche Handgriffe er zu machen hat und was er zu tun hat, damit möglichst viele Gerichte an einem Tisch zusammen rausgehen“, erklärt mir Jörg Hönow, während er die Hollandaise-Sauce für die Spargel-Crêpes anrührt.
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Verwandt mit Anette zu Droste-Hülshoff…

Um den vielen Hilfskräften und Köchen nicht ständig über die Füße zu fallen, schaue ich mir erst mal wieder das Lokal an, bis sich der Ansturm gelegt hat. Das alte Fachwerk hat nämlich einige Besonderheiten zu bieten. Zum Beispiel das Annette-Zimmer, was das Gasthaus der kreativen Gestaltung von Sabine Deckenbrock zu verdanken hat. Ich erfahre, dass die Familie mit der großen Dichterin sogar verwandt ist. Der Urgroßvater von Annette von Droste-Hülshoff, Johann Droste von Deckenbrock III., kaufte 1417 Burg Hülshoff von der Witwe Schonebeck – und nannte sich seitdem Johann Droste zu Hülshoff. Besonders gut fand Wolfgang Deckenbrock die Idee des Annette-Zimmers zunächst aber trotzdem nicht. „Sabines Plan sah Tapeten, Kissen mit Annette-Konterfei und Goldbordüren vor. Das war mir doch zu viel Biedermeier-Schnickschnack für ein Gasthaus“, erklärt er. Doch am Ende machte sich die Idee bezahlt. Denn im Gegensatz zu früher ist der Raum kein dunkles Hinterzimmer mehr, sondern hell, einladend und sehr beliebt.
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Der Küchenchef gibt den Ton an …

Die Spargel-Crêpes mit frischer Hollandaise-Sauce sind nun fertig. Die Regionalität der Gerichte auf der Speisekarte, die heute als Küchencredo wieder groß geschrieben wird, war in der Küche immer Zuhause. Regional oder hausgemacht seien per se aber noch kein Qualitätskriterium, erklärt mir Moritz Ludorf, sondern Adjektive, die die kulinarische Richtung einer Küche beschreiben. „Erst die kreative Zusammensetzung der Zutaten, die besondere Prise eines bestimmten Gewürzes oder die Zubereitungsmethode machen die kulinarische Identität eines Gasthauses aus. Und das hängt sicherlich vom Küchenchef und seinem Team ab“, sagt Moritz Ludorf und wünscht mir einen Guten Appetit.PS3B4255
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Noch mehr Eindrücke:

Was Regionalität und Nachhaltigkeit für das Restaurant bedeuten, findet ihr hier …

Deckenbrock Kleiner Kiepenkerl
Spiekerhof 47
48143 Münster

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Unbenannt-1Fotos/Text: Maren Kuiter

 

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