Prütt Kaffee Gin

Wie kommt man auf eine einmalige Idee, aus der ein Produkt geboren wird, das es vorher nicht gab? Glück, Mut, Verrücktheit gehören dazu. Ein essentieller Bestandteil beim Prütt war außerdem – wie könnte es anders sein – die Laune des Alkohols. Als mich Björn Bochinski und Sven Hasenclever in Herrn Hases Rösterei in Münster-Amelsbüren begrüßen, begeben wir uns bei einem wunderbar aromatischen Kaffee erstmal fast zwanzig Jahre zurück. Eine einmalige Idee muss eben reifen.

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Bochinski, eigentlich gelernter Fachinformatiker, hatte schon immer ein Händchen für besondere Drinks. Als Student arbeitete er in der legendären Luna Bar und mixte dort die White Russians für die „Big Lebowski“-Generation. Ebenfalls in Münster installierte er Pop-up-Bars und entwarf Messe-Konzepte für eine Gin-Firma. Nebenbei jobbte er in einem Call-Center, wie das Studenten zur Jahrtausendwende halt so machten. Dort sollte es zur schicksalhaften Begegnung mit Sven Hasenclever kommen.

Wer sich nämlich täglich „Werkzeug“ mitbringt, um in der Frühstückspause auch ja einen handaufgebrühten Kaffee kredenzen zu können, muss ein Bruder im Geiste sein. In der Küche fachsimpelten der IT-Spezialist und der Controller also über flüssige Extravaganzen. Nicht nur der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, sondern eben auch einer späteren Geschäftspartnerschaft.

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„Cheers!“: Björn Bochinski (l.) und Sven Hasenclever

Björn und Sven grinsen sich an, während sie von den gemeinsamen Wurzeln erzählen, die mittlerweile tief im Münsterland verankert sind. Die zwei könnten viele Anekdoten aus der Bar- und Gastrowelt preisgeben. Und es werden stetig mehr, denn Herr Hase hat im Frühling sein erstes eigenes Café  im münsterschen Kreuzviertel eröffnet.

Die wichtigste Geschichte rankt sich vermutlich um jene Begegnung 2016 auf dem Partyschiff MS Günther. Hier hatte Björn als Fachmann für Gin-Tastings angeheuert und wie es das Schicksal wollte, waren eines Abends auch Feinbrand-Pionier Rüdiger Sasse und dessen Chefbrennmeister Frank Wigger mit an Bord.

Drei Visionäre mit einer vom Alkohol beflügelten Phantasie und gelockerten Zunge. Oder, wie Björn es selber sagt: „Es war schon ein bisschen eine Schnapsidee.“ Grundfrage dieser Schnapsidee: Warum gibt es eigentlich keinen Gin im London-Dry-Stil mit Kaffee als Aromalieferant? Also überhaupt keinen, nach letzten Recherchen mindestens deutschlandweit. Und so begann die akribische Suche, denn eine Antwort ward auf der MS Günther nicht gefunden.

Rüdiger Sasse, Meister im Herstellen von erlesenen Kornspezialitäten, ließ Björn Bochinski in seiner Feinbrennerei in Schöppingen experimentieren. Sven Hasenclever tat selbiges in seiner Rösterei, um das perfekte Botanical als Grundlage für das Destillat zu finden. Nun, es gab einige Versuche, einige verzogene Gesichter, einige direkte Wege in den Abfluss. Aber eines kristallisierte sich bei jedem weiteren Versuch heraus: „Mist, eigentlich war’s ja nur Spaß, aber jetzt müssen wir eine Firma gründen“, erzählt Björn Bochinski lachend.

Das Ergebnis am Ende der achtteiligen Testreihe war einfach zu köstlich und eben zu einzigartig, als dass es dem Münsterland und der Welt hätte vorenthalten werden können. Und so wurde innerhalb eines Jahres aus einer Schnapsidee und einem spannenden Hobby ein Start-up, das erfolgreich wächst und im Juni 2018 gerade die 13. Charge produziert.

Das Geheimnis von Prütt, wie das Baby getauft wurde, ist die bewusste Entscheidung gegen den Mainstream. Gin-Tonic kann jeder, der Hype um Gin ist ja seit Jahren ungebrochen. Aber beim Prütt sticht der klare Kaffeegeschmack enorm heraus. Trifft der Gin nämlich auf Eis, gibt es im Abgang eine wahre Kaffee-Geschmacksexplosion – Überraschungen am Ende sind immer die besten. Diese darf ich beim Besuch direkt erleben, denn Björn kredenzt uns einen Prütty Silver Gin Fizz  – köstlichst!

Ein wertvoller Tipp nebenbei: „Bitte nie, nie, nie kohlensäurehaltige Getränke mit shaken.“ Auch die perfekte Dauer fürs Schüttlen und Rütteln erfahre ich: „Wenn der Shaker unglaublich kalt wird und man das Gefühl hat, die Hände frieren ein – dann noch fünfzehn Mal shaken.“

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Auch von Herrn Hase lerne ich Neues, beispielsweise kann Kaffee üppige Fruchtaromen entfalten. Die Yirgacheffe-Bohnen aus Äthiopien besitzen eine starke Blaubeer-Note, die Papua-Neuguinea Sigri-Bohnen einen vollmundigen Zitrus-Charakter.

Moment mal, denkt sich der bekennende Münsterland-Fan, was haben solch exotische Bohnen denn bitte mit regionalen Lebensmitteln zu tun? Die einfache Erklärung: Mit dem Münsterland-Siegel werden auch Produkte ausgezeichnet, die vor Ort veredelt wurden, sprich die von Hand in Amelsbüren gerösteten Bohnen, da der Klimawandel ja zum Glück noch nicht so weit fortgeschritten ist, dass diese hier geerntet werden könnten. Die anderen Hauptbestandteile des Prütt stammen aus der Region, alle elementaren Produktionsschritte geschehen in Münster und Schöppingen.

Im ersten Schritt erfolgt in der Feinbrennerei die Destillation eines Weizenfeinbrandes aus hochwertigem Bio-Weizen. Botanicals wie Wacholder, Zitrone, Rosmarin und Minze werden dann in Handarbeit ca. 24 Stunden mazeriert, also kalt extrahiert, und stammen teilweise aus dem Sasse-Garten mit Bio-Qualität.

Bei der Destillation in der Brennblase verwandelt sich das Mazerat schließlich in einen Geist, einen London Dry-Gin. Dieser zeichnet sich übrigens dadurch aus, dass kein Zucker hinzugefügt wird, erklärt Bar-Fachmann Björn. Zudem müssen alle Aromen während der Destillation entstehen. Nix mit künstlichen Zusatzstoffen also.

Bei den lebhaften Erzählungen des 42-Jährigen klingen Leidenschaft und Experimentierfreude heraus und man merkt, dass die Prütt-Macher jeden Handgriff der gesamten Produktion im Schlaf beherrschen. Selbst die hübschen bauchigen Flaschen mit dem filigranen Wacholder-Muster erhalten ihre Nummern und Daten von den Mitarbeitern und Familienmitgliedern, handschriftlich wohl gemerkt.

Solch ein Nischenprodukt kommt beim Käufer an. In namhaften deutschen Bars, vor allem in Berlin, und Österreich gibt’s Prütt-Mixturen. Durch einen verrückten Zufall hat er es sogar bis nach Japan geschafft.

Am Werk sind nämlich noch zwei weitere Experten, die dem Start-up seinen Feinschliff verpassen: Falk Scholze von der münsterschen Spirit Company und Bartender Sebstian Bron. Die zwei nutzen ihr Wissen um Gin-Geheimnisse und ihre Kontakte in die Barwelt, damit der Prütt vom Münsterland aus auf spannende Exkursionen gehen kann.

Die Verwurzelung in der Region lässt sich natürlich auch am Namen ablesen: Prütt ist im Westfälischen der Kaffeesatz. Und da der Münsterländer ja für seinen Dickschädel bekannt ist, finde ich es ziemlich cool, dass die Namensgebung anfangs eine Trotzreaktion war. „Ein Kollege von uns hat sich immer über die Idee lustig gemacht. Da kamen dann so Sprüche wie prütty Woman“, erzählt Björn Bochinski.

Schnell merkten die Prütt-Macher aber, dass der Name provoziert und damit natürlich im Gedächtnis bleibt. „Mit Prütt verbindet man ja erstmal was ganz anderes. Es klingt so hart, schwarz und brachial“, sagt Sven Hasenclever. Klar, dass die Überraschung groß ist, wenn diese Erwartungshaltung einer klaren Flüssigkeit in einer transparenten Flasche mit dezentem Blau auf Cremeweiß begegnet.

Wie gesagt, normalen Gin-Tonic kann fast jeder. Für einmalige Geschmackserlebnisse hingegen braucht es nicht nur Schnapsideen, sondern auch eine gute Portion Mut. Und Überraschungseffekte.

Kaffee Gin Münster GbR
Grevener Str. 325
48159 Münster
Tel.  0251- 39 62 28 35

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Text/Fotos: Miriam Lethmate

 

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