Möllers Erdbeeren

möllers erbeeren produkt2Wer pflanzt heute schon noch Stiefmütterchen auf Gräber? Ein paar Traditionalisten zieren Beete, Balkonkästen oder eben Stätten des Andenkens mit den kleinen Blumen. Viele andere hingegen sehen in ihnen einen Ausdruck Kleinbürgertums – vielleicht liegt′s am Namen? Sei′s drum, dachte sich Heiner Möllers eines Tages, beschloss schweren Herzens, seinen Stiefmütterchen Lebewohl zu sagen und begrüßte gleichzeitig ein Rosengewächs, aus dem dereinst eine reiche Ernte entspringen sollte.

Seit zwölf Jahren nun bestimmen die Erdbeeren das Leben von Heiner Möllers, seinen beiden Söhnen Michael und Bernd und eigentlich auch vom kompletten Rest der in Ochtrup verwurzelten, großen Familie. Denn der Landwirt, dessen Vorfahren seinen Hof 1791 gründeten, ist Familienmensch durch und durch und weiß genau: „So ein Unternehmen ist leichter zu stemmen, wenn jeder hilft, wo er kann. Darüber bin ich sehr froh.“

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Heiner Möllers mit seinem Sohn Michael und Enkelsöhnchen Leon.

Mit seinen Blumen hatte Heiner Möllers bis Ende der 90er Jahre die Region versorgt, doch der Absatz sank stetig. Auf dem Hof gab es, wie auch heute noch, ein paar Schweine, Kühe, Bullen. Sollte man also auf den Zug aufspringen und richtig investieren? Große Ställe, große Viehbestände? Nein, die Weisheit der älteren Generation verschaffte sich Gehör: „Mein Schwiegervater hat schon immer gesagt: ‘Baut Erdbeeren an!’ Tja, da haben wir seinen Rat befolgt“, erinnert sich Heiner Möllers lachend. Mittlerweile ist das kleine Familienunternehmen ein anerkannter Obstbaufachbetrieb und die Produkte sind mit dem Münsterland-Siegel ausgezeichnet.

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Neben den superleckeren Erdbeeren gibt es auch noch den „Erdbeer-Streich“ und den Erdbeer-Secco.

Wir stehen auf dem 3,5 Hektar großen Anbaufeld in der Bauernschaft Wester. Die Sonne hat sich an diesem Tag ihren Weg durch die Wolken gebahnt und auf den Erdbeerfeldern stehen, knien, sitzen und bücken sich ungefähr zwölf Saisonarbeitskräfte, um die tiefroten Beeren zu pflücken. Es ist Ende Juni, Hochsaison, und die erstmalig verwendeten Erdbeer-Tunnel sind sogar schon abgeerntet.

Die dort lebenden fleißigen Hummeln, die den Erdbeeren erst zu voller Pracht verholfen haben, können es ruhig angehen lassen. 3200 Pflanzen in acht Reihen auf 100 Metern waren seit März in den vier, mit Folien überdachten Tunneln herangewachsen. Waren es draußen noch 14 Grad, konnten in den Tunneln bereits 25 Grad und mehr erreicht werden – und Mitte Mai wurde die Familie mit dem Erntestart belohnt. Denn auch wenn Erdbeeren im Supermarkt gerne schon zu Weihnachten angeboten (und ja leider auch gekauft) werden, so ist die Saison in Deutschland doch von Mai bis etwa August.

„Für Spargel gibt es einen terminierten Zeitraum. Dass es den für Erdbeeren nicht gibt, ist wirklich schade, dann wüssten die Leute das Angebot mehr zu schätzen“, sagt Michael Möllers. Wenn die Ochtruper Erdbeeren in den Verkauf gehen, sind die Supermarkt-Kunden schon fast Schleuderpreise gewohnt. „Bei uns kostet das Pfund dann aber 2,99. Viele wollen ja gerne frische, geschmacklich hochwertige Früchte und regionale Produkte haben, sind aber nicht bereit, ein bisschen mehr dafür zu bezahlen“, weiß der 30-Jährige. Doch auch für diese Kunden haben die Möllers eine schöne Variante: selber pflücken. Dann gelten günstigere Staffelpreise. Das ist natürlich nicht das Hauptargument für einen Ausflug aufs Feld.

Mit den eigenen Händen die Pflanzen greifen, auseinanderziehen und absuchen, der Blick geschärft für sattes Rot. Ganz kurz mal heimlich probieren, denn schon alleine der Saft der überreifen Beeren an den Fingerkuppen ist doch zu verführerisch –  pssst, Naschen erlaubt. Und immer den süßen, sommerlichen Duft in der Nase, während ein leichter Wind das Lachen der Kinder weiter oben auf dem Feld herüberträgt. Man muss doch gar nicht nach Bullerbü!

Fünf Felder zum Selberpflücken hat die Familie über das Münsterland verteilt: eines am Berg in Ochtrup, weitere in Bad Bentheim, Metelen, Gronau und Ahaus. Wen′s vielleicht im Rücken ziept, der kann die kompostierbaren Schalen jedoch auch an den Verkaufsständen neben den Feldern erwerben. Jeden Morgen werden diese mit frischer Ware beliefert. „Bei uns gibt′s nichts von gestern“, sagt Heiner Möllers mit berechtigtem Stolz. Abgesehen von den Fruchtaufstrichen und dem Erdbeer-Secco, aber dazu später mehr.

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Nein, die Erdbeeren werden in aller Frühe frisch gepflückt, während zwei, drei Mitarbeiter ab halb acht im Halbstundentakt losfahren und die Stände beliefern. So kann es auch sein, dass diese in der Hochsaison nachmittags mal ausverkauft sind. Wie gesagt, Vortags-Früchte gehen nicht mehr raus. Und das ist auch besser so, da die Sorten bei Möllers nur nach Geschmack, nicht nach Haltbarkeit ausgesucht werden.

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Pia hat gerade ihr Abi bestanden und freut sich über den Nebenjob.

Sie hören auf exotische Namen wie Malwina, Daroyal oder Lambada, sind laut Heiner Möllers so süß wie nur möglich und so empfindlich, wie es eben geht. „Unsere Sorten wären gar nicht für den Großmarkt geeignet, die hätten nach einem Tag schon Druckstellen“, verdeutlicht Michael Möllers das uneingeschränkte Frische-Prinzip. Um den Fachbetrieb zu re-zertifizieren kommt alle drei Jahre eine Kontroll-Kommission auf die Felder, zudem hat sich die Familie entschlossen, jedes Jahr freiwillig Erdbeerproben an ein unabhängiges Labor zu senden.

Neben dem Feld steht ein großer Korb mit aussortierten Früchten. Mathilde und Zosy achten darauf, dass hier sorgfältig gearbeitet wird. Das junge Pärchen aus Rumänien ist seit sieben Jahren die rechte Hand der Möllers-Männer. Rund neun Monate pro Jahr helfen die beiden  im Betrieb, sorgen für einen reibungslosen Tagesablauf auf den Feldern und hinter den Kulissen. Der Ton zwischen den Mitarbeitern ist herzlich und ich bin erstaunt, als Heiner Möllers die Frage beantwortet, wo die Saisonarbeitskräfte denn eigentlich alle wohnen: „Im Umkreis von einem Kilometer, alle bei unserer Familie.“

Sechs jüngere Geschwister hat der 61-Jährige nämlich und sogar bei deren Schwiegereltern sind die Helfer aus Ungarn, Polen oder Rumänien untergekommen. Die älteren Familienmitglieder freuten sich über diese Gesellschaft, zumal viele Helfer ein bisschen Deutsch sprächen. Mittlerweile ist ein fester Kreis wiederkehrender Arbeiter entstanden – die Reisefreude ist auf beiden Seiten vorhanden.

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Ohne Mathilde würde der Betrieb nicht laufen, sagt Heiner Möllers.

Die wenigen Tage Urlaub, die sich Heiner Möllers und seine Frau gönnen, verbringen sie gerne in Norwegen. Oder eben bei ihren Mitarbeitern. „Rumänien, speziell Siebenbürgen, ist wunderschön“, schwärmt Heiner Möllers und erzählt begeistert von einer rumänischen Hochzeit, zu der er und seine Frau Monika eingeladen waren.

Im ersten Jahr habe er alle seine rumänischen Mitarbeiter besucht, da sei die eine Woche Urlaub viel zu knapp gewesen. Dies ist die Stelle, an der ich leider einen sehr kitschigen Satz loswerden muss, aber es geht nicht anders: So sieht echte Völkerverständigung aus. Wenn der Chef tausende Kilometer abreißt, um seine Mitarbeiter auch privat kennenzulernen, mit ihnen feiert und man spürt, dass die Begeisterung über das herzliche Miteinander echt ist. Mal leise ins eigene Gewissen gehorcht: Wie viele Chefs kennt ihr, die Urlaub bei ihren Mitarbeitern machen? Oder Mitarbeiter, die ihre Chefs als Übernachtungsgäste willkommen heißen? …  Eben!

Übrigens zieht sich die Herzlichkeit durch die Generationen: Gerade ist Michael Möllers mit seinem Sohn von der Kita zurückgekehrt. Es dauert keine zehn Sekunden, da hat Mathilde den Zweijährigen schon auf dem Arm, knuddelt ihn und drückt ihm ein Küsschen auf die Nase.

Von Fremdeln keine Spur, der Kleine lacht und angelt gleichzeitig vorwitzig nach Mathildes Bonbons am Rande des Tisches mit Schälchen. Eine Erdbeere hingegen möchte er gerade keinesfalls. Ergeht es den Erwachsenen manchmal ebenso? „Nein!“, kommt die Antwort im Chor. Die eigenen Beeren werden jeden Tag gegessen, auf jedem Geburtstag im Frühling oder Sommer steht mindestens eine prachtvolle Torte auf dem Tisch. Rezepte kann Heiner Möllers aber nicht verraten. Betriebsgeheimnis? „Nein, nein“, sagt er abwiegelnd und Michael erklärt lächelnd: „Mama regelt alles in der Küche und Oma sagt immer zu uns: ‘Geht ihr menn nach draußen aufs Feld.’ Diese Regelung klappt ganz gut.“

Draußen auf dem Feld ist Heiner Möllers am liebsten. „Ich bin Freilandbauer, damit kenne ich mich aus.“ Natürlich waren aber die Anfänge auch holprig. In der ersten Saison hatten die Pflanzen Ausläufer gebildet, die derart gewuchert waren, dass man nicht mehr richtig aufs Feld gehen konnte. Oder die Sache mit den Tieren. Rehe und Kaninchen freuten sich damals nämlich ebenfalls über die neue Geschäftsidee der Möllers. Da wurde einiges probiert, die heißeste Idee war sicherlich ein ausgestopfter Fuchs. Geholfen hat letztendlich nur der Wildzaun. Dass Hummeln für leckerere Erdbeeren sorgen als Bienen, war eine weitere Lektion.

„Wir haben damals einfach losgelegt. Mit einer kleinen, gebrauchten Pflanzmaschine. Danach sind wir erst zur Obstbauberatung in Wolbeck gegangen. Das war genau falsch rum.“ Man muss eben mit Humor auf seine ersten Gehversuche blicken – und so falsch kann es ja nicht gewesen sein, denn der Betrieb floriert wortwörtlich, die Ideen bleiben auch nicht aus. Aus der Ernte des vergangenen Jahres entstand im Kloster Kraul in Hamminkeln der erste Erdbeer-Secco, der nach kurzer Zeit ausverkauft war. Zurzeit entsteht also eine umfangreichere Charge. Der Fruchtaufstrich mit dem entzückenden Namen „Möllers Erdbeerstreich“ ist bei den Kunden ebenfalls sehr beliebt.

Wenn Ende Juli die letzten Erdbeeren gepflückt sein werden, ist für die Familie noch lange keine Pause in Sicht: Die Erntevorbereitungen für 2018 starten, bis Mitte August müssen die von Hand gezogenen, neuen Pflänzchen in die Erde gesetzt werden. Weitere Stichworte sind dann schon der Schutz vor Kälte mit Vliesplanen oder Hagelnetzen, den Wechsel zu anderen Ackerkulturen, um den Boden zur Ruhe kommen zu lassen und auch die Wasserversorgung muss ganzjährig überwacht werden. Richtung Weihnachten dürfen sich dann auch der Freilandbauer und seine Familie Erholung gönnen. Vom schönen Münsterland geht es dieses Mal in den hohen Norden – und da kann Heiner Möllers dann völlig abschalten, denn Erdbeeren werden ihm in Norwegens Flora im Dezember sicherlich nicht begegnen.

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Möllers Erdbeeren
Wester 2
48607 Ochtrup

Telefon: +49 (0)1 73 – 86 22 22 9

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PS: Die Google Map führt zum Stand am Berg in Ochtrup. Gibt man die Adresse „Wester 2“ ins Navi ein, kann man laut Heiner Möllers auch schon mal eine Stunde vergeblich rumkurven….

Text/Fotos: Miriam Lethmate

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