Imkern an Förderschulen

Wenn Martin Sommer summende Bienen hört, fühlt er sich in seine Kindheit zurückversetzt, in den Garten seines Uropas. „Mein Urgroßvater war Imker und hat mich in meiner Kindheit oft zu seinen Bienenstöcken mitgenommen und mir die Bienenvölker gezeigt. Wenn ich an Imker und Bienen denke, denke ich zugleich auch an meinen Urgroßvater und schwelge in Kindheitserinnerungen“, sagt der Landrat des Kreises Steinfurt.

So zögerte Martin Sommer auch nicht, als der Rheinenser Markus Linnenbaum ihn 2021 kontaktierte, um mit ihm über seine Idee eines ganz besonderen Vereins zu sprechen: „Imkern an Förderschulen und anderen sozialen Einrichtungen im Kreis Steinfurt e.V.“. Mittlerweile ist der Verein gegründet, Linnenbaum Vorsitzender und Landrat Martin Sommer sogar Schirmherr: „Ich habe mich mit dem Projekt vertraut gemacht und möchte dessen guten Zweck selbstverständlich fördern. Diese ehrenamtliche Arbeit, die für unsere Gesellschaft elementar wichtig ist, ist keineswegs selbstverständlich. Was Gutes zu tun, und mit Kindern, die Förderbedarf haben, zu arbeiten, beeindruckt mich sehr.“

Eine bienenfleißige Familie (v.l.): Eva, Pia, Markus und Marie-Sophie Linnenbaum.

Innerhalb kürzester Zeit baute Linnenbaum ein bienenfleißiges Netzwerk auf. Er imkert nun mit Kindern und Jugendlichen an mehreren Förderschulen des Kreises Steinfurt, zum Beispiel der Schule an der Ems Greven oder der Schule in der Widum Lengerich.
„Die vorsichtige Annährung an das Bienenvolk sowie die fachliche Begleitung durch Herrn Linnenbaum übte zum einen eine große Faszination als auch eine erkennbare Förderung in Wahrnehmung- und Kooperationsfähigkeit aus“, berichtet Volker Knapheide, Leiter der Schule an der Ems in Greven. Der geerntete und dann verarbeitete Honig werde im hauswirtschaftlichen Unterricht verwendet und auch über den Förderverein an Elternsprechtagen oder zu festlichen Anlässen verkauft. Hier zeigt die Schule, wie toll das Projekt läuft.

An den Standorten der Peter-Pan-Schule in Rheine und Emsdetten werden im Frühling die Bienen einziehen. „Die Kinder gehen mit Neugier und vielen Fragen auf das Projekt zu. Wenn Kinder mit allen Sinnen etwas wahrnehmen und sehen, dass die Bienenstöcke im Alltag dabei sind, gibt das Impulse. Es wird sicher viel Bewegung in dem Projekt sein und die Themen werden im Sachunterricht eingebunden“, sagt Manfred Kleve, Leiter der Peter-Pan-Schule Rheine, die Grundschüler mit Sprachentwicklungsstörungen fördert.

Marie-Sophie Linnenbaum hat ihre anfängliche Angst vor den Bienen überwunden.

Viele Kinder und Jugendliche mit Behinderungen überwinden beim Kontakt mit den Bienenstöcken Ängste, stärken ihre motorischen Fähigkeiten und gewinnen an Selbstvertrauen. Markus Linnenbaum, der selbst eine Behinderung hat, sieht diese Verwandlungen seit mehreren Jahren täglich auch im Privaten. Für seine Tochter Marie-Sophie gründete der Hobby-Imker 2018 ein kleines Unternehmen mit Imkerei, um sie fürs Alter finanziell abzusichern. Denn die 16-Jährige hat eine Lern-und Muskelschwäche, möchte jedoch mithilfe ihrer Eltern auf eigenen Beinen stehen. Daher gibt es Rheines Honiglikör, dessen Produkte mit dem Münsterland-Siegel ausgezeichnet sind.

„Wir haben unsere Tochter immer vorsichtig an vieles herangeführt, wovor sie Angst hatte. Der Kontakt mit Tieren hilft da ganz toll“, sagt Markus Linnenbaum. Und an diesen persönlichen Erfahrungen möchte er nun mit seinem Verein viele Förderschülerinnen und -schüler teilhaben lassen, die aufgrund einer Behinderung in besonderem Maße von dem Bienenprojekt profitieren.

Ermutigt von diesem Erfolg hat Markus Linnenbaum direkt zwei neue Projekte gestartet: das Imkern in der tiergestützten Therapie mit Senioren in Pflegeeinrichtungen im Kreis Steinfurt – und ein Inklusions-Honiglädchen. Schließlich muss der ganze Honig ja auch verspeist werden. Idealerweise möchte der 45-Jährige das Lädchen in seinem Heimatort Rheine eröffnen, doch auch ein bestehendes Angebot aus Greven sei sehr interessant, sagt Linnenbaum. Er selbst ist hauptberuflich als Altenpfleger tätig. Nun sucht er Sponsoren oder weitere Mitglieder, die ihn bei dem sozialen Projekt unterstützen.

„Mein großer Traum ist es, einen Laden zu eröffnen, der sozial, inklusiv und regional agiert. Dafür möchte ich zwei Menschen mit Behinderung einstellen“, sagt der Hobby-Imker. Die Eröffnung ist für den Herbst geplant. Und so engagiert, wie Markus Linnenbaum seine Träume verfolgt, wird er diesen Plan sicherlich umsetzen können.

Infos zu Bienenpatenschaften:

Text und Fotos: Miriam Lethmate

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