Manche Menschen tragen die eindrucksvollen Bilder ihres Lebens wie in einem Geschichtsbuch mit sich, jederzeit fähig, einzelne Kapitel kraftvoll in die Gegenwart zu holen. Je reicher die Erfahrungen, je wortgewaltiger das Erzählte, desto gebannter sind natürlich die Zuhörerinnen und Zuhörer. Während viele Lebensjahre nicht Voraussetzung für ein opulentes persönliches Geschichtsbuch sein müssen, versprechen sie dennoch eine Fülle an fast Vergessenem, Überraschendem.
Wolfgang Deckenbrock ist einer jener Menschen. Charmant, ein bisschen verschmitzt und einem wachen Blick auf Altes und Neues transportiert der 88-Jährige münstersche Geschichte in die Gegenwart. Fast sein ganzes Leben ist mit einer Symbolfigur seiner Heimatstadt verwoben: dem Kleinen Kiepenkerl.
Historische Ansicht der alten Bierstuben Wielers. Copyright: W. Deckenbrock
Das Restaurant im Herzen der Altstadt eröffneten Wolfgang Deckenbrocks Eltern Erna und Bernhard am 17. November 1955. Dieses Jahr darf hier also der 70. Geburtstag gefeiert werden! Zwar starteten die Deckenbrocks gegenüber der Kiepenkerl-Statue unter dem Namen Bierstuben Wielers, doch im Volksmund war es der Kleine, eben neben dem benachbarten Restaurant Großer Kiepenkerl. Den Namen „Kiepenkerl“ hatte sich dessen Besitzer zwar schützen lassen, doch das beeindruckte die Gäste schräg gegenüber selbstredend nicht.
„Oh ja, wir haben lange um unseren Namen gekämpft“, erzählt Wolfgang Deckenbrock, der zwar zu Beginn dabei war, diesen Weg jedoch nicht vorgesehen hatte. Vorm Eröffnungstag, so erinnert er sich, habe sein Vater ihm geraten, sich genau anzusehen, wie die Registrierkasse funktioniere. Der Vater sei ein gestandener Gastronom, aber nicht sehr maschinenaffin gewesen, so Wolfgang Deckenbrock.
„Er war ja ein raffinierter Kerl und so habe ich als Schüler am Eröffnungstag allen Kellnern die Kasse erklärt“, sagt er schmunzelnd. Im Jahr darauf schloss er die Höhere Handelsschule ab, nicht ohne die Frage des Vaters nach seinen Berufsvorstellungen. „Alles – nur nicht Gastronomie!“ lautete der inbrünstige Ausruf des jungen Wolfgang. Tja, das hat ja fast geklappt.
Wolfgang Deckenbrock – im Hintergrund eine seiner selbst geschriebenen Speisentafeln. Foto: Münsterland e.V./P. Fölting
Sein großes Interesse galt dem Kino, so ging er nach Duisburg, um Filmkaufmann zu lernen. Die Ernüchterung folgte schnell, denn er musste Anzeigen zur Zeitung bringen oder nachts mit der Straßenbahn fünf Filmtheater abklappern, um die Geldbomben zu Bank zu bringen. Arbeiten und schlafen, arbeiten und schlafen, übrigens in einer Art Abstellkammer hinter dem Vorführraum. „Das habe ich mir drei Monate angeguckt und bin dann wieder nach Hause.“
Sein Vater sei gut vorbereitet gewesen, sagt Wolfgang Deckenbrock: Der Vertrag für eine Hotelkaufmann-Ausbildung lag schon vor und führte ihn wieder ins Ruhrgebiet nach Hagen ins angesehene Hotel Van de Weyer mit Restaurant, Konditorei und Café. Und er war selbst überrascht, dass der Beruf ihm dann doch von Beginn an so viel Freude machte.
„Durch einen blöden Zufall“ landete Wolfgang Deckenbrock in Tanger
Es folgten Stationen in Dortmund, Heidelberg. Und Tanger. „Durch einen blöden Zufall“, wie Wolfgang Deckenbrock lachend gesteht. Am Empfang war er mit einem Gast ins Gespräch gekommen, der von einer freien Stelle in Marokko berichtete. Und so ging es für den abenteuerlustigen Münsteraner im Januar 1960 nach Tanger.
Die Stadt und ein angrenzendes Gebiet waren bis Ende der 50er Jahre Freihandelszone unter europäischer Verwaltung und ohne Devisenbeschränkungen gewesen, was viele glamouröse Weltenbummler und Geschäftsleute angelockt hatte. Allerdings war diese Internationale Zone dann an den kurz vorher unabhängig gewordenen Staat Marokko zurückgegeben worden.
So hatte die Weltpolitik direkte Auswirkungen auf Wolfgang Deckenbrocks Zukunftspläne: „In Tanger war absolut nichts mehr los!“ In seinem Hotel logierten noch exakt zwei Gäste. Ein Spanier und eine Engländerin, wegen des warmen Klimas. „Das war also ein Reinfall und ich bin zurück nach Hause.“ Wie sich noch herausstellen sollte, war diese Rückkehr schicksalsgebend für die kommenden Jahrzehnte im Kleinen Kiepenkerl, denn Armor schickte Wolfgang Deckenbrock zielsicher von Tanger nach Münster, um seine Seelenverwandte zu finden.
Gerda und Wolfgang Deckenbrock Copyright: W. Deckenbrock
Den Eltern kam die Rückkehr sehr gelegen, stand doch Weiberfastnacht vor der Tür. „Da war in der Gaststätte natürlich die Hölle los.“ Für Wolfgang Deckenbrock verwandelte sich diese närrische Hölle binnen Sekunden in einen Himmel voller Geigen: „Hier habe ich meine Frau kennengelernt. Ich habe sie gesehen, mich sehr schnell verliebt und gewusst: ,Die isses!’“, erinnert sich Wolfgang Deckenbrock an die erste Begegnung und die darauffolgende Zeit in Münster mit seiner Gerda.
Doch ein 23-Jähriger möchte auch die Welt entdecken, zumal die Wirtschaftswunderjahre in vollem Gange waren. So ging es durch die Kontakte eines Kellners vom Überwasserhof in ein Hotel am Comer See. „Englisch und Französisch konnte ich. Aber Italienisch? Buona sera und quanta costa, viel mehr war da nicht“, erzählt er verschmitzt.
Das ist wieder ein Beweis, dass Mut und Offenheit einen wirklich an die schönsten Orte führen und ich freue mich, dass Wolfgang Deckenbrock so wertschätzend von dieser auch ungewissen Zeit erzählt.
Auffällig ist übrigens, dass jeder und jede, die am Tisch im Kleinen Kiepenkerl vorbeigehen, an dem wir sitzen und der Wolfgang Deckenbrocks Lieblingsplatz ist, herzlich rüber lächeln. Wenn der Senior Geschichten erzählt, schnappen alle gerne ein paar Sätze auf – auch wenn Moritz Ludorf lachend erwähnt, einige Erzählungen schon so ein oder zwei Mal gehört zu haben. Er ist der Enkel, der in die Fußstapfen des rührigen Großvaters getreten ist und diesen schon als Kleinkind täglich mit zum Großmarkt-Einkauf begleitete. Seit mittlerweile zehn Jahren leitet er mit seiner Mutter Sabine Deckenbrock das Restaurant.
Wie wir natürlich wissen, blieb Wolfgang Deckebrock nicht am Comer See. Seine Gerda und er schrieben sich Briefe, irgendwann stellten sich beide die Frage: „Willst du weiter in der Welt umherwandern?“ Nein, die Zeichen standen auf Familie, kurz nach dem Beginn der Fünften Jahreszeit wurde Verlobung gefeiert.
Doch das junge Glück musste einen schweren Schicksalsschlag verkraften, da Wolfgang Deckenbrocks Vater einige Wochen später unerwartet starb. So wurde der Junior mit nur 24 Jahren neuer Chef und navigierte den Betrieb mit Mutter und Gattin, die Einzelhandelskauffrau war, durch die Zeit des Verlusts.
Wenn er heute zurückblickt, steht für den Senior die Familie eindeutig im Mittelpunkt. Der starke Zusammenhalt habe dafür gesorgt, dass der Kleine Kiepenkerl nun seit 70 Jahren von ein und derselben Familie am gleichen Ort betrieben werde. Eine Tatsache hebt er besonders hervor: „Ohne meine Frau wäre das alles nicht möglich gewesen. Und ich hätte das auch ohne sie und ihre Arbeit nicht meistern können!“
Gemeinsam gingen sie zum Beispiel die Modernisierung in den 60er Jahren an. „Wir haben als Bierlokal mit begleitenden Speisen begonnen und haben uns zum Restaurant mit begleitenden Getränken gewandelt.“ Und zwar eines mit einer hervorragenden, regionalen, saisonalen Speisenkarte, deren Gerichte oft mit frischen Zutaten von münsterschen Höfe kreiert werden. Daher ist der Kleine Kiepenkerl seit neun Jahren mit dem Münsterland-Siegel ausgezeichnet.
Spargel ist ein Leibgericht von Wolfgang Deckenbrock. Foto: Münsterland e.V./P. Fölting
Wolfgang Deckenbrock isst auch selbst gerne im eigenen Restaurant, vor allem zur Spargelzeit, aber: „Ich bin der Koch zuhause.“ Stielkoteletts sind seine Spezialität, dazu ein frischer Salat vom Wochenmarkt. Den Einkauf kann ich mir bildlich vorstellen: An oder vor jedem zweiten Stand wird ein Pläuschchen gehalten. Schließlich ist die Person Wolfgang Deckenbrock seit sage und schreibe 64 Jahren synonym mit dem Kleinen Kiepenkerl, seine Handschrift hat das bekannte Restaurant geprägt.
Im wahrsten Sinne des Wortes sogar, stammen doch die elegant geschwungenen Buchstaben auf den Speisentafeln allesamt aus seiner Feder bzw. Kreide. Mit Kraft, Ruhe und Fleiß könne man das Schriftenmalen erlernen. Doch Talent gehört auch dazu: Wolfgang Deckenbrock zeichnet in seiner Freizeit gerne und malt Aquarelle. Außerdem geht er auch mit 88 Jahren noch leidenschaftlich gerne auf den Golfplatz oder weitere Strecken spazieren. So kann es sein, dass er sonntags mit seiner Frau vom Spiekerhof bis zum Mövenpick-Hotel flaniert, um dort zu frühstücken.
Moritz Ludorf, Sabine, Gerda und Wolfgang Deckenbrock. Copyright: W. Deckenbrock
Zu dieser bewundernswerten Fitness können zwei Gewohnheiten beigetragen haben: Als das Ehepaar noch in Gremmendorf wohnte – direkt am Wald mit viel Natur, wie Wolfgang Deckenbrock sich gerne erinnert – fuhr der Chef vier Mal am Tag knapp acht Kilometer mit dem Fahrrad hin und her. „Ich bin so oft nachts um eins in die Polizeikontrolle geraten, dass ich beim 50. Mal eine Plakette haben wollte“, sagt er lachend.
Wurde er denn mal angetüdelt erwischt? Da guckt er mich eindringlich an: „Ich habe in über 60 Jahren keinen einzigen Tropfen Alkohol im Restaurant getrunken!“ Das nenne ich Disziplin. Wolfgang Deckenbrock hat es aus Überzeugung getan: „Ich kann ja nicht mit dem einen Stammgast einen trinken und mit dem nächsten nicht. Da habe ich immer alle gleich behandelt.“
„Ich habe in über 60 Jahren keinen einzigen Tropfen Alkohol im Restaurant getrunken!“
Von vielen Kollegen sei er wegen dieser Einstellung angefeindet worden. Kraft, Ruhe und eine gute Portion Beharrlichkeit haben auch dabei geholfen. Ebenso wie beim schon erwähnten Kampf um das Namensrecht am Kleinen Kiepenkerl.
Der Inhaber des benachbarten Großen Kiepenkerl hatte sich den Namen 1937 schützen lassen, so dass die Bierstuben Wielers zwar im Volksmund der Kleine Kiepenkerl waren, nicht aber in den Büchern und Verträgen. Eines Tages saß ein Bekannter des mittlerweile fünften oder sechsten Pächters des Großen Kiepenkerl mit seinem Stammtisch bei Familie Deckenbrock – und erzählte, dass bei der Übernahme die Krautkrämer GmbH als Inhaber eingetragen worden sei. Wolfgang Deckenbrock nahm ging schnurstracks zur IHK, holte sich auf Anraten eine Unbedenklichkeitsbescheinigung und ließ offiziell den Namen „Deckenbrocks Kleiner Kiepenkerl“ eintragen.
Danach musste der Schildermacher Gas geben: „Die Namensschilder müssen morgen Früh hängen!“, lautete die Devise. Als dann auch noch der Chefredakteur der Münsterschen Zeitung ein Foto von Wolfgang Deckenbrock unter dem neuen Schild machte, war die Taufe offiziell vollzogen. Seit 1988 zieren die strahlend goldenen Lettern das Fachwerkhaus, natürlich in Wolfgang Deckenbrocks elegant geschwungener Handschrift.
So blickt die Familie nun auf 70 Jahre am Spiekerhof zurück. „Ich glaube, es gibt in Deutschland keinen gastronomischen Pachtbetrieb, der 70 Jahre am Stück einer Familie gehörte“, sagt der Senior und kann zurecht stolz auf dieses Familienwerk sein. Über das innige Verhältnis zu seinem Enkel sagt er: „Moritz und ich waren schon immer ein eingeschweißtes Team und es ist das größte Glück, dass er mich zum Uropa gemacht hat.“
Täglich von 10 bis 12 Uhr ist Wolfgang Deckenbrock in seinem zweiten Wohnzimmer anzutreffen, setzt sich als „Lock-Opa“ auf die Terrasse – „Wenn irgendwo schon ein Gast sitzt, kommt schnell ein zweiter dazu“ – oder nimmt Reservierungen an. Und zwar per Telefon am I-Pad. Die Gastronomie arbeitet zudem bonlos, Theke und Küche wurden technisch aufgerüstet. „Man darf keine Berührungsängste haben, dann rostet man auch nicht ein!“
Das Team des Kleinen Kiepenkerl. Copyright: W. Deckenbrock
Wolfgang Deckenbrock sagt, er sei mit sich im Reinen und man merkt, dass das von Herzen kommt. Er blicke auf ein schönes Leben mit allen Höhen und Tiefen. Jünger wolle er nicht nochmal sein. Was für eine wunderbare Einstellung zum Alter, für das man ja dankbar sein muss. Oder wie seine Tochter Sabine sagt: „Du bist wie Peter Pan, der ewige Junge.“ Ja, gibt Wolfgang Deckenbrock zu bedenken, da sei wohl was dran, schließlich krieche er liebend gerne mit seinem Urenkel über den Boden. „Ich komme nur nicht so schnell wieder hoch. Aber dafür hat man ja die Familie.“ Eine wirklich perfekte Metapher für 70 Jahre Deckenbrocks Kleiner Kiepenkerl.
Wunderbarer Bericht über eine Münsteraner Institution.
Dankeschön !
Lieben Dank für dieses Lob! Es war ein eindrucksvolles Interview.