Eisvogel Sendenhorst

Von der heißen Backstube in die kalte Eisküche: René Vogel wagte nach 15 Jahren als Bäcker den Schritt in einen neuen Beruf. Der Kulinarik blieb er treu und während sich die Arbeitstemperaturen senkten, verbesserte sich das Betriebsklima. „Der Job als Bäcker war echt schön, aber einfach sehr stressig. Die Zeiten waren auch nicht besonders familienfreundlich, vor allem, wenn man kleine Kinder hat“, blickt René Vogel zurück auf das Jahr 2017, in dem er sich selbstständig machte.

Alles, was er über die handwerkliche Herstellung wissen musste, lernte der Quereinsteiger in der Eisfachschule von Uwe Koch in Werl – danach sprangen René und seine Frau Stefanie ins kalte Wasser. Nun ist ein ehemaliges Restaurant am Westtor in Sendenhorst bereits seit sieben Jahren die Heimat des „Eisvogels“.

Der Name lag natürlich nahe. Betritt man das Café und sucht sich ein schönes Plätzchen, blickt man sofort auf das mehrteilige Foto eines schillernden Eisvogels. René Vogels Eis ist ebenso eine Rarität wie der gefiederte Namensgeber, denn es werden rein natürliche Zutaten verwendet, keine künstlichen Zusatzstoffe, keine Farb- und Konservierungsstoffe.

„Regionalität und Nachhaltigkeit sind uns total wichtig. Wenn man auf Eismessen die Großanbieter sieht, die einfach mit Fertigpasten arbeiten, bestärkt uns das erst Recht in unserer Arbeit“, sagt der Sendenhorster. Seine Hauptzutaten bezieht er von regionalen Herstellern und produziert sie direkt in seiner Eisküche. Alle Produkte sind daher mit dem Münsterland-Siegel ausgezeichnet.

Die Milch für alle Milcheissorten stammt vom Bio-Hof Fockenbrock in Telgte, Obst wie Himbeeren, Heidelbeeren oder Erdbeeren kommen vom Hof Grothues-Potthoff in Senden – beide Betriebe tragen ebenfalls das Münsterland-Siegel.

„Aus den überreifen Beeren wird ein Püree hergestellt, das den perfekten Zuckergehalt hat. Diesen Geschmack und diese Qualität kriegt man mit Tiefkühlprodukten aus dem Großmarkt nicht hin.“

Die Café-Gäste wissen diese Qualität ebenso zu schätzen wie die Experimentierfreude des Inhabers. Neben den Klassikern wie Vanille, Schoko oder Stracciatella bietet René Vogel gerne ungewöhnliche Kreationen an, so gab es bereits Gurken- oder Lakritzeis. Für ungläubige Gesichter sorgte vor drei Jahren das Erdbeer-Spargeleis.

„Süß und deftig ist immer ein guter Gegensatz. Curry-Ingwer ist zum Beispiel eine tolle Sorte für Leute, die mal was anderes probieren möchten.“ Mit Blick auf die Sommermonate produziert René jetzt viel Fruchtig-Saures, da dies an heißen Tagen einfach am meisten erfrischt: Erdbeer-Mango, Zitrone-Apfel oder -Minze.

Ich freue mich, da ich sie in jeglicher Form liebe, über die Herrencreme – natürlich mit regionalen Zutaten. Diese werden auch in einer neuen Sorte verarbeitet, die sich Stefanie gewünscht hat: weiße Schokolade mit Whisky. Während andere Paare sonntagsabends streamen, tüfteln die beiden am liebsten an Ideen für die neue Woche. Montags ist Produktionstag. Stundenlang wird dann gewogen, gemixt, püriert, verfeinert, gereinigt und die Eismaschine läuft auf Hochtouren.

Zwischen 30 und 34 Schalen Eis stehen am Ende des Tages bereit, die Theke bietet Platz für 24 Sorten. Im Sommer reicht selten nur ein Produktionstag, so dass der Eismann auch mal Extraschichten einschieben muss, zumal der generelle Personalmangel in der Gastronomie hier ebenfalls spürbar ist. „Selbstständigkeit bedeutet eine große Verantwortung. Aber die Entscheidung damals war genau richtig und es macht einfach Spaß.“

Neue Ideen bringen nicht nur neue Kundschaft, sondern auch eine extra Portion Motivation für den nächsten Streich. Nachdem zum Beispiel die 500ml-Eisvogel-Eisbecher bei den Kempermärkten super angenommen wurden, lässt René seine Gäste ab diesem Sommer selber in Aktion treten. „Mach dir dein Eisvogel-Eis“ im Becher für Zuhause: Alle Trockenstoffe für sieben Sorten sind vorgemischt, Milch oder Früchte fügt man nach eigenem Geschmack hinzu. Wer keine Eismaschine hat, nimmt den Mixer und schon hat man auch außerhalb der Öffnungszeiten Leckeres vom Eisvogel.

Auch ich habe ja heute das Glück, exklusiv vor 13 Uhr hinter die Kulissen schauen zu dürfen. Dafür hat René sich was richtig Gutes überlegt: Joghurt-Pumpernickel-Eis. Mit passenden Namen kennt er sich ja aus.

„Das ist natürlich eine alte Münsterländer Nachspeise und meine Mutter hat mich drauf gebracht, daraus ein Eis zu machen.“

Ohne zu viel preis zu geben, darf ich einige Zutaten wie Naturjoghurt, Milch, Zucker, Fruchtsäure und Magermilchpulver verraten. „Und jede Süßspeise braucht immer eine Prise Salz. Je mehr Knospen ich auf der Zunge öffne, desto größer ist das Geschmackserlebnis.“

Dieses lebt von Renés Expertise und den regionalen Zutaten: „Die sorgen einfach für eine konstant hohe Qualität.“ Die fertigen Waffeln und Hörnchen stammen aus Hamm, zudem sind die Becher kompostierbar, die Löffel aus einem nachhaltigen Holzspanmix.

Während ich immer größeren Appetit bekomme, weil ich mich in die Sortentafel vertiefe – Eierflip, Erdnuss-Karamell, Café Crema, Sanddorn! – nimmt das Joghurt-Pumpernickel-Eis relativ zügig Form an. Rund 15 Minuten dauert die Herstellung einer großen Schale Eis, im Schockfroster wird alles auf -35°C runtergekühlt. Je schneller dies passiert, desto weniger Eiskristalle entstehen.

Schon gibt René das Milch-Joghurt-Gemisch in die Eismaschine, kurz danach fließt die cremige Masse langsam in den Behälter. Garniert mit Pumpernickelbröseln warten die Kugeln nun nur noch auf mich. Ich mach’s nicht spannend: Es ist wahnsinnig lecker. Cremig, leicht säuerlich, total erfrischend. Der Pumpernickel wird etwas weich und fügt sich erstaunlich gut ins Eis ein.

Am Ende meines Besuchs muss ich René noch fragen, welche seine Lieblingssorte ist. Zu abgedroschen? Kann sein, doch das Gespräch nimmt eine sehr lustige Wendung: „Momentan esse ich am liebsten Stracciatella mit richtig dicken Schokostückchen.“

Manchmal, so verrät er, habe er sogar Leute gesehen, die ihren Hunden diese Stückchen unauffällig als „Leckerli“ zusteckten. Geht natürlich gar nicht, findet Hundebesitzer René. Und was hat der Eismann mit den kreativen Einfällen ausgetüftelt? Die perfekte Lösung: Leberwursteis! Mit laktosefreier Milch, Rübenkraut als Zuckerersatz – und einem Kilo Leberwurst auf zehn Liter Eis. Die Vierbeiner sind große Fans, die experimentierfreudigen Frauchen und Herrchen übrigens auch. „Das kann natürlich jeder essen, es ist ganz normales Eis.“ Ja, ganz normales Eis für den Eisvogel.

Öffnungszeiten: Di. bis So., 13 bis 18 Uhr

TIPP: Ganz neu im Einsatz ist das Eismobil, ein charmant restaurierter Holzhüttenaufbau auf einem Anhänger von 1985. Das Eismobil kann für alle Arten von Feiern und Veranstaltungen mit Personal gebucht werden.

Text und Fotos: Miriam Lethmate


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