
Vor ihrem inneren Auge hatte alles schon Gestalt angenommen, die Farben waren ausgewählt, Ideen fürs Interieur im Übermaß vorhanden, die Namen der Lieblingsgerichte auf der Speisekarte quasi gesetzt. Das Café direkt an der Aa würde ein Schmuckstück der Bocholter Innenstadt werden. Und dann kam die Pandemie.
Sarah Novak holt tief Luft und sagt aus tiefstem Herzen: „Ich bin sooo froh, dass alles gutgegangen ist! Ich habe wirklich alles auf eine Karte gesetzt.“
Die Rösterei Imping, die Sarah mit ihrem Mann Mike Novak führt, hatte den Ausschlag zur Idee gegeben, doch im Café selbst ist die 42-Jährige allein verantwortlich. Es ist ihre eigene GmbH, mit der sie sich zu einem denkbar schwierigen Zeitpunkt und viel Mut zum Risiko einen Traum erfüllte.




Am prominenten Standort im Neubau, damals Rohbau, der Stadtsparkasse Bocholt am Neutorplatz lüfteten Sarah und Mike Anfang 2019 das Geheimnis: Hier werde im Sommer 2020 Imping – Das Café seine Eröffnung feiern. Wie es in jenem Jahr allerdings mit der Gastronomie, in diesem Falle der waghalsigen Unternehmung einer Neueröffnung, weitergehen würde, haben wir noch gut in Erinnerung.
Nun muss man diesbezüglich wissen, dass Sarah eine ziemlich willensstarke Frau ist, deren Kreativität, Lebensfreude und Zuversicht auch ihr berufliches Leben bestimmen. Also setzte sie sich in der Pandemie an den heimischen Küchentresen – ebenfalls öfters frequentierter Anlaufpunkt der fünf gemeinsamen Kinder – und entwarf das Speisen- und Getränkekonzept für ihr Café. Die Bauarbeiten würden schließlich irgendwann beendet sein und die Gastronomie dürfte wieder öffnen.

Kaffee aus der eigenen Rösterei in allerlei Variationen, Intensitäten, Herstellungsarten fanden schnell den Weg auf die Karte der gelernten Barista. Widerstand erfuhr sie jedoch beim Blick auf das Speisenkonzept: Die Hälfte des Angebots sollte vegan sein, daran hielt sie unbeirrbar fest. Wer im Münsterland und außerhalb Münsters ein wenig kulinarisch auf Reisen war, hat eventuell schon bemerkt, dass das vegane Angebot größtenteils, seien wir ehrlich, eher spärlich und qualitativ nicht berauschend ist.
Ob dies der geringen Nachfrage geschuldet ist, kann ich nicht beurteilen, doch Sarah war sich sicher, dass es in ihrem Café anders laufen würde. Sie lag richtig: Mittlerweile würden auch viele Nicht-Veganer die leckeren, nachhaltigen Gerichte gerne probieren.
„Es sind alles meine eigenen Rezepte, die wurden in der ganzen Familie probiert und weiter verfeinert. Wenn alle eine Bowl, Suppe oder den Honig-Feigensenf mochten, und ich dachte, das kommt gut an, kam es auf die Karte“, erinnert sich Sarah.




Wir sitzen zusammen an einem gemütlichen Platz in ihrem Café, das nun tatsächlich schon seinen dritten Geburtstag feierte. Von allen Seiten strömt das Sonnenlicht hinein, lässt die außergewöhnliche Deko strahlen. An der Decke ranken sich täuschend echt gestaltete Lianen, Farne, Palmblätter, die dem Ursprung des Hauptdarstellers im Café Tribut zollen. Er kommt in verschiedenen Gestalten daher und bleibt stets betörend: Café Crème, Cold Brew, French Press, Espresso, Iced Latte, Flat White, Latte Macchiato, Cappuccino, Filterkaffee. Im Café der Rösterei-Chefin, die mehrfach selbst auf Kaffeeplantagen mitanpackte, haben die Spezialitäten genau jene Portion mehr an Qualität, die die im Alltag oft so hastig getrunkene Tasse Kaffee in eine genussvolle Wohltat verwandelt.
Während Sarah mir knuspriges Baguette mit Erbsen- und Rote-Bete-Hummus sowie Kräuterschmand reicht, muss ich schmunzeln. Denn gerade gehen zwei Frauen an unserem Tisch vorbei, loben die Auszeit im Café in höchsten Tönen, begrüßen gleichzeitig Sarah. Ich genieße die frisch zubereiten Dips – alle superlecker, vor allem der Rote-Bete-Hummus – und schreibe schnell das Zitat der zweifachen Mutter in meinen Block: „Gerade habe ich noch gesagt: ‚Das ist ja wie Kur hier!‘ Ich komme aus Rhede und bin heute das erste Mal hier. Wir kommen auf jeden Fall bald wieder.“





Nach der Verabschiedung sagt Sarah mit einem großen Lächeln: „Wenn man sowas hört, weiß man doch, dass sich alles gelohnt hat. Ich liebe es einfach, zu bewirten, da bin ich Gastronomin durch und durch. Es sind meine Gäste, sie kommen zu Besuch in mein Haus, sie sollen sich richtig wohlfühlen. Wir duzen hier auch alle.“
Ein Kollege, Restaurantbetreiber in Bocholt, komme mittlerweile jeden Morgen vorbei. „Wir sind irgendwie zum Frühstückslokal für alle Generationen mutiert“, sagt Sarah lachend. Ihre Vision, das Café zum echten Wohlfühlort zu gestalten, ist Wirklichkeit geworden. Pastellfarbene Sofas und Sessel sowie Sattellederbänke sind in dem großen Raum mit den hohen Decken verteilt, überall sorgen goldene Kugellampen für zusätzlich warmes Licht.
Absoluter Blickfang ist eine große Wandmalerei der Bocholter Künstlerin Helena Hajkova, die Sarah zuerst als Tätowiererin kennenlernte. Beeindruckt von ihrer Kunst beauftragte sie Helena, einem riesigen Flamingo im Café eine Heimat zu geben. Die Barista ist nämlich seit jeher kunstinteressiert und selber sehr kreativ: Den Weg zu den Toiletten weisen kleine, moosbegrünte Figuren, in den Räumen zieren knallige Drucke von Frida Kahlo, Freddie Mercury und Vincent van Gogh die Wände, alle von Sarah gestaltet.





Die Idee, der Location ihre eigene Handschrift zu geben, ist Sarah absolut gelungen. So auch bei der großen Theke, Herzstück des Cafés. „Mir war hundert Prozent klar, dass die Fliesen wasserblau-türkis sein sollen und hochkant angebracht werden müssen.“ Fliesenleger und auch Ehemann Mike hielten das für eine spinnerte Idee, doch Sarah war von ihr überzeugt. Die Theke fügt sich nun formvollendet ins Café ein.





Leckere Torten sind dort zu sehen, gebacken in einer Bocholter Traditionsbäckerei. Denn auch das ist eine wichtige Philosophie sowohl in der Rösterei als auch im Café: Zusammenarbeit mit Partnern aus der Nachbarschaft und größtenteils regionale Zutaten zu verwenden, um nachhaltig und fair zu arbeiten. Daher tragen die Imping-Produkte bereits seit 15 Jahren das Münsterland-Siegel, welches Lebensmittel auszeichnet, die nachweislich im Münsterland geerntet, produziert oder, wie beim Kaffee, maßgeblich veredelt wurden. Nun werfe ich einen genauen Blick in die Speisekarte und bleibe beim doppelseitigen Bild des „High Coffee“ hängen.



Genießt man in England beim „High Tea“ Earl Grey mit süßen und salzigen Spezialitäten wie Scones, Pasteten und Sandwiches, wird hier natürlich die Bocholter Variation mit Kaffee zelebriert. Dazu serviert Sarah unter anderem Baguette mit Lachs und Feta, Croissants, Brownies, Obstsalat.
Es sind diese zusätzlichen tollen Ideen, die entspannte, kinderfreundliche Atmosphäre, das herzliche Team und natürlich die leckeren Getränke und Speisen, durch die sich das Café für viele Menschen mittlerweile zum zweiten Wohnzimmer entwickelt hat.
Öffnungszeiten:
Montag bis Samstag, 9 bis 19 Uhr
Text und Fotos: Miriam Lethmate
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